Der "Skandalautor"Michel Houellebecq oder Die Kunst der Kollision

Der neue Essayband von Michel Houellebecq ist ein geistreiches Lese- und Nachdenkvergnügen.

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Das Enfant terrible der französischen Literatur: Michel Houellebecq
Das Enfant terrible der französischen Literatur: Michel Houellebecq © (c) APA/AFP/MIGUEL MEDINA
 

Wer gleichzeitig der Gottseibeiuns für die Rechten und Linken ist, muss etwas richtig gemacht haben. Dennoch ist der Essayband „Ein bisschen schlechter“, der „Interventionen“ der letzten zehn Jahre sammelt, nur bedingt tauglich, sich weiter an Michel Houellebecq abzuarbeiten.

Denn wer diese geistreichen, hochamüsanten, anregenden und natürlich immer wieder provokanten Texte genau liest, käme gar in die Verlegenheit, seine Meinung über dieses voltenbegabte Enfant terrible zu ändern.

Denn nicht der dekadente und atheistische Nihilist, als der Houellebecq meist schubladisiert und skandalisiert wird, kommt in diesen Essays, Interviews, Artikeln und Reden zum Vorschein, sondern ein verletzlicher, fast schon romantischer Moralist, dem zu den Klängen von Schubert und den Beatles die Tränen kommen, der an die Kraft der Liebe glaubt und der den Apostel Paulus als jenen Autor nennt, der ihn vielleicht am stärksten beeinflusst hat.

„Alles Glück ist seinem Wesen nach religiös“, sagt das „furchtbare Kind“ an einer Stelle. Und der vermeintliche Frauenhasser Houellebecq konstatiert illusionslos, dass „die Reformation des Mannes auf ganzer Linie gescheitert“ sei. Ungustiöse Machos schauen anders aus.

Seine Abneigung gegenüber Nietzsche, seine Zuneigung zu Tieren, seine Verteidigung des Konservativismus als „Quelle des Fortschritts“ – all das stellt Houellebecq voll Kampfes- und Fabulierlust zur Debatte. Natürlich gibt es immer wieder Stellen, an denen man schlucken muss; etwa, wenn der Autor, der die Kunst der Kollision perfekt beherrscht, seine „Verpflichtung, die Islamophobie zu verteidigen“, artikuliert oder wenn er Trump zum Super-Präsidenten kürt. Aber auch hier lohnt es sich, vor dem Aufschrei genau zu lesen.

Der Titel des Buches bezieht sich übrigens auf die Coronakrise und das Danach: „Wir werden nach der Ausgangssperre nicht in einer neuen Welt erwachen“, schreibt Houellebecq, „es wird dieselbe sein, nur ein bisschen schlechter.“ Und noch ein Satz zur Pandemie und ihren gesellschaftspolitischen Untiefen: „Noch nie wurde mit einer so gelassenen Schamlosigkeit ausgesprochen, dass nicht jedes Leben gleich viel wert ist.“ Menschenverachtende Nihilisten klingen anders.

Buchtipp: Michel Houellebecq.  Ein bisschen schlechter.
Dumont, 200 Seiten, 23,70 Euro.

KK
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