Buch der WocheAm Ende wird alles schlecht

Wie immer die US-Wahl ausgeht, lesen Sie den neuen Roman von John Niven – er lehrt uns das Fürchten.

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Harter Kerl mit humanistischem Herz: John Niven
Harter Kerl mit humanistischem Herz: John Niven © KK
 

Tabus kennt dieser Kerl keine, gut so: In „Kill Your Friends“ hat John Niven – selbst einmal in der Plattenbranche tätig – der Musikindustrie genüsslich den Marsch geblasen und in „Gott bewahre“ Jesus als kiffenden Castingshow-Teilnehmer auf die Erde geschickt. Dieses Buch musste der Verlag gar entschärfen, enthielt es doch noch härtere Breitseiten gegen einen anderen Religionsgründer: Mohammed.

Jetzt, in seinem neuen Roman, nimmt sich der gebürtige Schotte eines Themas bzw. Landes an, das eigentlich keiner literarischen Überhöhung mehr bedarf; die irre Realsatire reicht völlig aus. Doch wenn jemand aus dem Absurden noch anarchischen Spaß und punkige Leseunterhaltung destillieren kann, dann dieser wunderbar lärmige Rocker mit dem blutigen Schreibmesser.

Amerika 2026: Die Wahlen 2020 hat Donald Trump gewonnen, und damit das Regieren schön in der Familie bleibt, ist 2024 Tochter Ivanka um den Chefposten angetreten und hat ihn – Überraschung! – auch gewonnen. Das Land ist tief gespalten. Die Abtreibung wurde abgeschafft, die Waffenlobby ist mächtiger denn je und die Mauern höher denn je. Das Töchterchen lässt zwar zwischendurch durch leise humanistische Töne aufhorchen, doch diesen Unsinn treibt ihr der Herr Papa – der im Hintergrund noch immer die Fäden zieht – schnell aus.

Auftritt Frank, pensionierter Journalist. Ein guter Kerl, aber die Diagnose, die er von seinem Arzt erhält, ist schlecht. Doch bevor er abtritt, muss Frank noch unbedingt fünf Menschen aufsuchen, die auf seiner Liste stehen. Und es ist keine Liste mit Gutpunkten.

Zur Person

John Niven, geboren 1966 in Irvine, Schottland, arbeitete zuerst als Plattenmanager und hat die Gruppe Coldplay als „Radiohead für Trottel“ abgelehnt. Debüt mit dem Roman „Music from Big Pink“ (2005).

Was John Niven mit viel Drive, gesellschaftspolitischem Scharfblick und literarischer Lässigkeit dem Leser mit galligem Humor vor die Füße knallt, ist vordergründig ein Rachethriller, aber in Wahrheit – wie alle seine Bücher – eine gnadenlose, hellsichtige Bestandsaufnahme von Ungeheuerlichkeiten, die niemand für wahr gehalten hat – bis sie es wurden.

In einem Interview wurde der Autor einmal gefragt, ob er an Gott glaube. Seine Antwort: „Nein.“ Ob er denn überhaupt an etwas glaube? Niven: „An säkularen Humanismus mit etwas Sozialismus. Das fällt mir schon schwer genug.“ Frank, die Hauptfigur dieses herrlich durchgeknallten Romans, ist auch diesem Glauben zugeneigt. Natürlich scheitert er.

Buchtipp: John Niven. Die F*ck-it-Liste. Heyne-Hardcore,
320 Seiten, 20,70 Euro.

KK
© KK

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