Buch der WocheVom Leben in zwei Heimaten

Die Deutsche Ronya Othmann erzählt von der jesidischen Oma, dem Aufwachsen zwischen den Kulturen und einem Genozid.

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Zwischen den Welten: Ronya Othmann
Zwischen den Welten: Ronya Othmann © KK
 

Leyla ist die Tochter eines jesidischen Kurden und einer deutschen Mutter. Sie lebt mit ihrer Familie bei München, wo sie auch geboren ist. Jeden Sommer reist das Mädchen mit seiner Mutter ins Dorf der jesidischen Großeltern: „Kurdistan lag in der Syrischen Arabischen Republik, reichte aber darüber hinaus (Anmerkung: Irak, Türkei). Es hatte keine offiziell anerkannten Grenzen.“

Es ist die eigene jesidische Familiengeschichte, die Ronya Othmann (27) da in ihrem Debütroman erzählt. Wie die Autorin, Journalistin und Gewinnerin des Publikumspreises beim Bachmannwettbewerb 2019 das tut, ist nüchtern, fast distanziert, ihre Sprache ist schmucklos, aber dennoch sinnlich, poetisch, aber nicht pathetisch.

Die Schilderung des Lebens in zwei Welten nimmt von Anfang an gefangen: hier das Aufwachsen eines Teenagers in Deutschland, mit Schulsorgen, Verliebtheiten und Selbstzweifeln. Dort das sommerliche Eintauchen in eine archaische Welt, wo man aus Furcht vor Schlangen auf Hochbetten im Freien schläft und ein Nachbar bei der Großmutter vorbeikommt, um einen Brautpreis für die Enkelin aus Europa auszuhandeln: „Er redete nicht lange, schlug einfach vor, dass Leyla seinen ältesten Sohn heiraten könne.  Leyla solle ruhig noch in Deutschland die Schule fertig machen, dann werde man die Hochzeit im Dorf feiern. Er sagte, wie viel zu zahlen er bereit sei.“

Zur Person

Ronya Othmann, geboren am 12. 1. 1993 in München. Studium am Literaturinstitut Leipzig.
Schreibt gemeinsam mit Cemile Sahin in der „taz“ die Kolumne „OrientExpress“ über Politik.
Preise: MDR-Literaturpreis, Caroline-Schlegel-Förderpreis für Essayistik, Publikumspreis des Bachmann-Wettbewerbs.

Raffiniert verknüpft Othmann die Erinnerungen an die Großmutter-Sommer mit den bedrückenden Erzählungen ihres Vaters über Verfolgung und Folter und dem, was sie in Europa aus den Medien erfährt.

Zum wiederholten Mal in der Geschichte fand 2014 ein Genozid an der ethnisch-religiösen Minderheit der Jesiden statt (monotheistisch, nicht christlich). Der politische Islam hatte sich die Ausrottung der „Ungläubigen“ auf seine Fahnen geheftet.

Die jesidischen Kurden in Syrien werden also gleich doppelt verfolgt: aus religiösen Gründen vom IS und als Kurden von Staatschef Assad: „Selbst nach so vielen Jahren in Deutschland saß die Angst der Sprache des Vaters noch im Nacken. Immer sprach er von ,ihm‘, nie nannte er seinen Namen.“

Im Jesidentum gibt es übrigens nur mündliche Überlieferung, viele der Großelterngeneration sind Analphabeten. Wie wichtig, dass es Bücher wie dieses gibt!

Buchtipp: Ronya Othmann. Die Sommer. Hanser,  288 Seiten, 22,70 Euro.

KK
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