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#wirlesenzusammenÜber den schönen Anfang und das traurige Ende der Literatur

Literarische Expeditionen, nächster Teil. Zurück in die Zeiten von Shakespeare, grauenhaft hinaus auf das unendliche Meer, abwärts in eine düstere Seelenlandschaft und mitten hinein in das Sprachreich. Als Klassiker-Zugabe: ein vergnüglicher Leitfaden, der Geldsorgen vergessen lässt.

WAVES HIT LIGHTHOUSE
Das Meer erobert sich seinen Anteil zurück © AP
 

Es könnte ein poetisch-wuchtiges Hohelied sein – über die Wucht und die Unendlichkeit des Meeres. Aber Ben Smith hat in seinem ebenso faszinierenden wie beklemmenden Debütroman anderes im Sinn – „Dahinter das offene Meer“ schildert die Folgen und die Endphasen des Klimawandels, mündend in die Stunde Null. Die Schreckensvision gleicht einem dramatischen Kammerspiel, lediglich zwei Personen, die namenlos bleiben, wirken mit – ein junger Bursche und ein alter, wortkarger Mann. Aber zu sagen hat sich das nicht nur charakterlich höchst konträre Duo ohnehin nur wenig bis gar nichts. Die beiden arbeiten auf einer Plattform in der Nordsee und sollen einen längst desolaten Windpark zumindest einigermaßen in Schwung halten. Ein Endspiel. Es mangelt an Werkzeug und an nötigem Nachschub, die Riesentürme rosten vor sich hin, letzte, makabre Wahrzeichen einer weitgehend unter Wasser verschwundenen Erde und deren Zivilisation.
Hunderttausend Jahre seien kaum erwähnenswert in der Lebenszeit des Wassers, schreibt Ben Smith, ehe relativ winzige Temperaturveränderungen, oft belächelt, oft bagatellisiert, binnen weniger Jahre zu radikalen, katastrophalen Veränderungen führten.
Eindringlich bettet er seine Geschichte in ein Horrorszenario ein, in einen Existenzkampf seiner beiden Protagonisten, die wissen, dass sie längst auf der Verliererseite stehen, weil der Sieger längst feststeht. Ein mitreißendes, soghaftes Werk, der Wahrheit entsprungen.

Ben Smith. Dahinter das offene Meer. Liebeskind, 253 Seiten, 20,70 Euro.

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Galgenhumor

Fröhlichkeit ist ein Zustand, der in den Werken von David Vann nicht existiert. In seiner Denkweise könnte er ein Neffe von Cormac McCarthy sein; was beide eint, ist nicht selten die Ausweglosigkeit, aber auch das Mitgefühl für ihre Figuren. Dennoch gibt es einen gravierenden Unterschied. David Vanns Romane haben nicht selten autobiografischen Hintergrund, fernab von Versuchen, Literatur als Möglichkeit der Selbsttherapie zu erachten. Will man David Vanns Bücher charakterisieren, reicht ein Wort: Isolation. Sie kommt nicht selten schon durch die Wahl der Schauplätze zum Ausdruck: irgendwo in der Weite und Einsamkeit von Alaska. Auch der Autor stammt von dort. Und schon mehrmals deutete er ein Trauma an, das er im Roman „Im Schatten meines Vaters“ offen zur Sprache brachte und nun, in „Momentum“, ins Zentrum rückt – es ist dessen Suicid, es sind dessen tiefe, unheilbare Depressionen, Vorboten des Unheils, und es ist dessen Alkoholsucht.
Und doch ist diese tragische Familiengeschichte reich an Poesie, an wunderbaren Landschaftsschilderungen, an Sehnsüchten, die aber stets wie an einer unsichtbaren Wand abprallen.
„Momentum“ nimmt die Leserinnen und Leser in doppelter Hinsicht mit auf die Reise. Einerseits führt der Weg von einer einsamen Hütte in Alaska ins sonnige Kalifornien, anderseits führt der Gang in die Innenwelt des Protagonisten, Jim Vann heißt er, der durch seine spontane Schlagfertigkeit und seinen Galgenhumor versucht, seiner lädierten Seele einen Streich zu spielen. „Momentum. Das ist das wichtigste Wort in unserem Leben“, heißt es in einer Passage des Buches, das, trotz aller Dramatik, reich an berührenden Momenten ist und ein geheimnisvolles Licht in sich birgt, das man lange nicht aus den Augen verliert.

David Vann. Momentum. Hanser Berlin, 304 Seiten, 24,70 Euro.

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Der Satz, der sitzt

„Der erste Satz muss stimmen und perfekt sein, der Rest ist Formsache“, postulierte ein überaus populärer US-Autor, dessen Name hier nichts zur Sache tut. Aber mitunter waren und sind auch seine ersten Sätze aalglatt und wie von der Wortstange gekauft. Egal. Der renommierte deutsche Literaturwissenschaftler Peter-André Alt bietet auf spannende, lehrreiche und durchaus auch sehr unterhaltsame Weise Einblick in die Kunst des Beginnens. „Erste Sätze der Weltliteratur und was sie bedeuten“ macht vertraut mit den für Autorinnen und Autoren oft enorm großen Schwierigkeiten, mit dem Erzählen zu beginnen. Insgesamt liefert Peter-André Alt 249 markante Beispiele (die zum Teil ja zu Klassikern für sich wurden), er beginnt bei Homer, leitet über zu Jean Paul und Charles Dickens und endet bei Jonathan Franzen, Max Frisch und Peter Handke. Das sind ntürlich nur einige markante Namen.
Ein famoser Streifzug durch die Weltliteratur aus unkonventionellen Perspektiven, über die Leiden an den oft noch jungen Wörtern und das große Vergnügen, sich durch erste Sätze in großartige Geschichten geleiten oder hineinziehen zu lassen. Dazu als Schlusssatz: „Dieses Buch zählt zur Pflichtlektüre.“ Nicht unbedingt originell, zugegeben, aber zweckdienlich.

Peter-André Alt. Jemand musste Josef K. verleumdet haben. Erste Sätze der Weltliterautr und was sie uns verraten. C. H. Beck, 262 Seiten, 27,80 Euro.

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Schlag nach bei Shakespeare

Historische Romane erfreuen sich großer Popularität. Ein guter Anlass, um mit einem öden Vorurteil aufzuräumen. Denn meisterhaft geschriebene historische Sachbücher können zumindest ebenso spannend und fantastisch sein. Es ist eben alles nur eine Frage der Erzählkunst. Einen aktuellen Beweis dafür liefert der englische Literaturexperte und Historiker Ian Mortimer, der sich zudem auf ein hochfrequentiertes Terrain begab – er führt und verführt in „Shakespeares Welt“. Kaum zählbar sind die Werke, die sich diesem Thema widmen, aber Mortimer, der auch als Roman-Autor in der obersten Liga vertreten ist, schuf mit großem Gespür für Atmosphäre und Zeitkolorit ein fundamentales Buch über Englands „goldenes Zeitalter“. Eine abenteuerliche Reise in die Vergangenheit, so plastisch geschildert, dass sich jede Leserin und jeder Leser unverzüglich in der Rolle des Augenzeugen verwandelt, der sich stets im Zentrum der Geschehnisse wähnt, wilde Schlägereien in Kneipen inklusive. Es ist ein schonungsloses Zeitzeugnis, über eine Epoche, die geniale Geister hervorbrachte, aber auch reich an Hungersnöten, Gewalt, gesetzlicher Willkür und Krankheiten gewesen ist. Mortimer fügt anscheinend bedeutungslose Mosaiksteine zu einem grandiosen Zeitbild zusammen, originell, klug, enorm kritisch – und vergnüglich. Und wer schon immer wissen wollte, ob und wie sich William der Große die Zähne putzte und welche Unterwäsche er trug – hier erfährt er auch das.
Ian Mortimer. Shakespeares Welt. Piper, 496 Seiten, 25,70 Euro.

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Endlich schuldenfrei

Gemessen am gigantischen Gesamtwerk von Honoré de Balzac gleicht dieser subtil-ironische Essay nur einer etwas umfangreicheren Fußnote, aber die Betrachtungen und Ratschläge sind von zeitloser Gültigkeit und erfreuen sich auch jetzt einiger Aktualität. „Die Kunst, seine Schulden zu bezahlen“ betitelte der geniale Franzose, selbst keineswegs immer frei von Geldnöten, seinen Leitfaden, bestehend aus zehn Lektionen und angereichert im wahrsten Sinn des Wortes durch exzellente Aphorismen. Einer lautet so: „Je mehr Schulden man hat, desto mehr Kredit hat man.“ Eine klare, logische Rechnung. Unterhaltsame, trickreiche Lektüre, wunderbar illustriert und ausgestattet; wer sie nicht besitzt, ist arm dran.
Honoré de Balzac:Die Kunst seine Schulden zu bezahlen. Zum Gebrauch der ruinierten Leute mit Bildern geschmückt von Volker Pflüller. Faber & Faber, 130 Seiten, 24,70 Euro.

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