„Ich war einmal ein Mädchen, aber ich bin es nicht mehr.“ So beginnt Maryams Geschichte. Sie ist im letzten Jahrzehnt Hunderten jungen Frauen in Nigeria widerfahren; hier fängt sie damit an, dass Milizionäre der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram in einen Schlafsaal eindringen.

Maryam ist eine der verängstigten Schülerinnen, die von den Männern entführt, vergewaltigt, versklavt, zwangsverheiratet, geschwängert werden. Um dieses Buch schreiben zu können, unternahmdie irische Autorin Edna O’Brien zwei lange Recherchereisen nach Nigeria. Im Alter von 88.

Aber O’Brien ist eben eine Ausnahmeerscheinung. Ihre ersten sechs Romane waren in ihrer Heimat Irland allesamt wegen Obszönität verboten. Ihr großes Thema seit 60 Jahren, weibliches Begehren, weibliches Erleben zu artikulieren, mündet hier in den Versuch, den Opfern von Boko Haram eine authentische Stimme zu geben. In knapper, drastischer, plastischer Prosa beschreibt hier eine Schriftstellerin auf der Höhe ihres Könnens das Grauen, das den Mädchen angetan wird. Auch nach geglückter Flucht: In ihrer Herkunftsgemeinschaft bleibt Maryam eine Gebrandmarkte; erst ganz am Ende gewährt ihr O’Brien einen Funken Hoffnung. Ein aufwühlender, ein notwendiger Roman. 

Edna O’Brien. Das Mädchen. Hoffmann und Campe, 23,70 Euro.
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