Buch der WocheSigrid Nunez und ihr Roman "Der Freund": Der Takt großer Gefühle

Ein Buch, das nie enden sollte. Mit „Der Freund“ glückte der US-Autorin Sigrid Nunez ein Wunderwerk über Liebe, Trauer, das Schreiben – und tierischen Trost.

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Autorin Sigrid Nunez
Autorin Sigrid Nunez © Wikicommons/Slowking4
 

Er heißt Apollo und bringt 80 Kilogramm auf die Waage, er ist ein Findling, der nicht sprechen, aber trotzdem enorm viel auf seine Weise sagen kann. Die Signale bedingungs- und grenzenloser Zuneigung stehen an erster Stelle. Apollo ist ein Hund, genauer, eine mächtige Dänische Dogge. Einstmals ohne erkennbaren Besitzer in einem Park aufgetaucht, dann bei einem Dichter gelandet, der sich das Leben nimmt. Dreimal war er verheiratet, jede Ehe war reich an Seitensprüngen.

Auf Drängen der dritten Ehefrau erklärt sich eine Schriftstellerin bereit, den Hund quasi als Erbstück zu übernehmen. Sie stand viele Jahre lang in einem in seiner Intensität nie ganz geklärten Nahverhältnis zum Verstorbenen, der auch ihr Mentor gewesen ist. War es nur innige Freundschaft, war es Liebe, mit oder ohne Ablaufdatum? Was in jedem Fall bleibt, ist tiefe Trauer über einen vorzeitigen, unerwarteten Verlust.

„Gute Sätze beginnen mit einem Taktschlag“, schreibt Sigrid Nunez in einer Passage ihres mehrfach preisgekrönten und mit berechtigten Lobeshymnen bedachten emotionalen Wunderwerks. Jeder Takt stimmt und fügt sich Satz für Satz ein in eine grandiose Gesamtkomposition, die nicht mehr und nicht weniger umfasst als alle Gefühlswelten in einem einzigen Buch. Eine Verlustanzeige mit Trauerrand; melancholisch, tieftraurig, aber doch auch lebensbejahend, klug, weise, reich an Skepsis, stets geprägt durch die Nähe zu einem enorm sensiblen vierbeinigen Wegbegleiter.

KK Sigrid Nunez. Der Freund. Aufbau-Verlag
Sigrid Nunez. Der Freund. Aufbau-Verlag, 235 Seiten, 20,60 Euro © KK

Die Protagonistin, die, wie fast alle anderen Figuren auch, namenlos bleibt, führt zumeist Gespräche mit einem, der sehr viel Leere hinterließ. Der Roman ist, keineswegs zuletzt, eine Auseinandersetzung über den Sinn oder die Sinnlosigkeit des Schreibens. Die Erzählerin der Geschichte, die „Kreatives Schreiben“ unterrichtet, unter anderem, um ihre eigene Schreibblockade zu kompensieren, zitiert viele große Autorinnen und Autoren herbei, liefert Einblicke in den oft verlogenen und tatsächlich auf den Hund gekommenen Literaturbetrieb und findet für ihre eigenen, laut gelesenen Texte in Apollo den besten Zuhörer. Kitsch? Nein! Ganz im Gegenteil.

Sigrid Nunez erfüllt durch ihre Sprachmagie nicht nur alle Erwartungen, die man in zeitgemäße Literatur setzen kann, sie übertrifft diese noch. Das so inflationär verwendete Wort „berührend“ – hier hat es seinen passenden Platz gefunden.

Zur Person

Sigrid Nunez, geboren 1951 in New York, sorgte 1996 mit ihrem Roman „Wie eine Feder auf dem Atem Gottes“ für internationales Aufsehen.
2018 erhielt sie für ihren Roman „Der Freund“ in den USA den renommierten National Book Award.
Die „New York Times“ kürte sie zur „Titanin der amerikanischen Gegenwartsliteratur“.

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