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Buch der WocheDanilo Kiš und die Reise in die düstere Nacht

Erstmals in deutscher Sprache: Der frühe Roman „Psalm 44“ von Danilo Kiš ist viel mehr als die Talentprobe eines damals 25-jährigen Autors auf dem Weg zum Weltruhm.

Schwarz-absurde Komik, die Gänsehaut erzeugt: Danilo Kiš © Hanser
 

Vor 30 Jahren starb Danilo Kiš in Paris. 1962 erschien das erste Buch des Autors ungarisch-jüdisch-montenegrinischer Herkunft – die Romane „Mansarda“ und „Psalm 44“ in einem Band. Ersterer wurde ein Jahr nach dem Tod von Kiš als „Die Dachkammer“ in deutscher Sprache veröffentlicht. Noch zu Lebzeiten des 1935 im serbischen Subotica geborenen Dichters erregten Erzählbände und die Trilogie „Familienzirkus“ („Frühe Leiden“, „Garten, Asche“, „Sanduhr“) Aufsehen. „Familienzirkus“ ist längst Teil des weltliterarischen Kanons.

KZ-Schicksal


Die Übersetzung des zweiten Romans ließ auf sich warten - bis zum 30. Todestag des Autors. Wie „Die Dachkammer“ ist „Psalm 44“ mehr als die Talentprobe eines jungen Schriftstellers. „Psalm 44“ ist eine Art Kontrasttext (weshalb die urspüngliche Doppelveröffentlichung wohl kein Zufall war). Das eine gilt als „satirisches Gedicht“ und „übermütiges Buch“, „Psalm 44“ hingegen erzählt von der Jüdin Maria, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im Lager Birkenau ihren Sohn Jan zur Welt bringt und mit ihrer Freundin Jeanne fliehen will. Mit Hilfe des Kapos Max, eines Freundes des Arztes Jakob, der dafür sorgte, dass Maria von Auschwitz (wo sie eine Liebesnacht verbringen) nach Birkenau verlegt wird. Von seinem Sohn weiß Jakob nichts.

Gänsehaut


Es sind (abgesehen von einem 1950 angesiedelten Epilog) nur einige Stunden, in denen die Handlung spielt. Marias Erinnerungen erweitern den Zeitraum in ihre Kindheit in Novi Sad als Tochter eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter mit jüdischem Großvater. 1942 wird sie Zeugin eines Massakers, dem auch ihr Vater zum Opfer fällt.
Kiš, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde, verzahnt die Gegenwart in der Lagerbaracke, das Warten auf das erlösende Zeichen von Max, mit den Rückblicken virtuos zu einer Geschichte der Menschlichkeit in einer unmenschlichen Epoche. Schon hier stößt man auf jene schwarz-absurde Komik, die bei Kiš später immer wieder aufblitzt, die Tragik von Geschichten aber nicht relativiert, sondern noch schärft.
In „Psalm 44“ wird Maria in einem Versteck Zeugin eines Gesprächs zwischen Jakob und seinem Vorgesetzten, einem dem berüchtigten Josef Mengele nachempfundenen Doktor namens Nietzsche. In Hörweite alliierten Kanonendonners ist dessen größte Sorge der Erhalt seiner Sammlung jüdischer Skelette. Gänsehaut erzeugend - und ein weiterer Grund, all die grandiosen Werke von Kiš wieder zu lesen.

Lesetipp: Danilo Kiš . Psalm 44. Hanser, 136 Seiten, 20,60 Euro.

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