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Buch der WocheGrandioser Roman über den tödlichen Strom des Lebens

Die amerikanische Autorin Virginia Reeves hat eine vielschichtige Südstaaten-Elegie geschrieben, die ohne jede Schwarz-Weiß-Malerei auskommt.

Autorin Virginia Reeves © KK
 

Tief im Süden, Alabama in den 20er-Jahren. Die Erdnusspflanzen schießen knackig ins Feld, der Mais steht stramm im satten Boden. And the cotton is high. Das Idyll kann nicht trügen, es hat nie eines gegeben. Die Felder sind getrennt, die Rassen auch. Und die Plätze sind fest zugeteilt, nicht nur in den Autobussen.

In diese schwüle, dampfende Landschaft hat die US-Autorin Virginia Reeves einen Roman gepflanzt, der glänzt wie der Schweiß auf den Gesichtern der schwarzen Plantagenarbeiter. Auch er, Wilson, ist schwarz, Hilfsarbeiter auf der Farm der natürlich weißen Familie Martin. Sie, Marie, sieht ihre Wurzeln im vom geliebten Vater geerbten Grund und Boden. Er, Roscoe, steht nur dann unter Strom, wenn seine Arbeit mit Elektrizität (damals, wie der Blues, noch Teufelszeug) in Verbindung steht. Und wenn die Träume von zwei Menschen aufeinanderprallen wie fehlgeleitete Züge, kann daraus ein langer Albtraum werden. Oder, wie in diesem Fall, ein grandioser Roman.

 

KK
Virginia Reeves. Ein anderes Leben als dieses. Dumont, 317 Seiten, 23,70 Euro. © KK

Virginia Reeves hat eine zärtlich-brutale Südstaatenelegie geschrieben, in der es um Verbrechen und Strafe geht, um Schuld und Sühne, aber vor allem um das Unvermögen des Vergebens. Um die beiden Träume doch auf eine Schiene zu bringen, zapft Roscoe Martin illegal Strom ab, die Farm – jetzt bewirtschaftet mit elektrisch betriebenen Maschinen – beginnt zu florieren. Doch es ist eine Saat des Bösen: Ein Arbeiter der staatlichen Stromfirma kommt ums Leben; der weiße Mann wandert für Jahre ins Gefängnis, der schwarze wird in einer Kohlemine versklavt.

Und dann vollführt Reeves einen gefinkelten Dreh: Historisch unwahrscheinlich, aber literarisch hoch spannend, gehört die Solidarität der zurückgebliebenen Ehefrau dem schwarzen Hilfsarbeiter Wilson, nicht ihrem Mann. Dieser, beladen mit der Gesamtschuld, bleibt auf der Strecke und wird gnadenlos überrollt.

„Ein anderes Leben als dieses“ ist vieles, ohne zu viel zu wollen. Es ist ein Buch über die Autonomie des Lebens und es ist die messerscharfe Anatomie einer Liebe, die in der gnadenlosen Hitze der Nacht verkümmert. Es ist auch ein Buch über grenzenlose Selbstgerechtigkeit unter dem gut wärmenden Deckmantel eines unbarmherzigen Libertinismus. Weiters ist es ein guter Romantitel, aber vor allem ist „Ein anderes Leben als dieses“ eines: ein weiterer Traum.

Zur Autorin

Virginia Reeves studierte am Michener Center for Writers in Texas. Mit ihrem Debütroman stand sie auf der Shortlist des Man-Booker-Preises.

Reeves lebt mit ihrem Mann, ihren beiden Töchtern und einem dreibeinigen Pitbull in Montana.

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