Alle drei kämpfen mit ihrer Vergangenheit: die 43-jährige Katharina, die auf 1.756 m Seehöhe gleich neben einer Alpenvereinshütte ihre Buchhandlung „Bücherberg“ betreibt; der anfangs namenlose Robert, der aussieht, „als wäre er aus einem Flugzeug gefallen“, als ihn Katharina ohne Gedächtnis und in selbstmörderischer Absicht in einer Schneemulde findet; und Linda, eine junge Lawinenforscherin, die vor Weihnachten zu den beiden stößt, als Schutzhaus und Buchladen geschlossen sind.

Was die drei, zu denen sich auch eine Dohle gesellt, so erleben, erzählt Heinrich Steinfest in gewohnt fantasievoll-poetischer Manier – voll schräger Bilder, magischer Momente und bizarrem Witz. Sein Roman „Der betrunkene Berg“ ist ein Fest für Steinfest-Fans: so zauberhaft wie seine Alice-im-Wunderland-Geschichte „Das grüne Rollo“, so aberwitzig wie sein Spatzen-Roman „Das Leben und Sterben der Flugzeuge“, so surreal wie der explodierende Wal im „Allesforscher“ und gegen Ende hin auch so spannend wie die Abenteuer seines einarmigen chinesischen Privatermittlers Cheng.

Geschickt und kurzweilig verwebt der Autor Reales und Irreales, nimmt er die Leserin mit in die alpine Welt knapp unterhalb eines Berggipfels. Robert, der „vom Unglück verzauberte Bär“, der so gut Fisolensalat zubereiten kann, findet sein Gedächtnis als Bildhauer wieder und will ein Abbild des Berges aus Schnee modellieren. Je nach Wetterlage scheint ihm der Berg dabei „zu schwanken wie ein Betrunkener“. Später wird er ein bedrohliches Eigenleben entwickeln. Bei einer Wanderung zum Gipfel drängen bei den drei Zivilisationsflüchtlingen plötzlich Erinnerungen ins Bewusstsein. Ums Scheitern und um Schuld geht es dabei, ums Davonlaufen vor der Wahrheit und ums Weiterleben.

„Der betrunkene Berg“ ist auch eine Liebeserklärung an die Welt der Bücher. Im winterlichen „Bücherberg“ lesen Katharina und ihr Gast einander aus einem Werk über die Erstbesteigung „ihres“ Berges vor. Man fühlt sich heimelig in dieser Zwei-, später Dreisamkeit, fernab der Welt, die wie in Marlen Haushofers „Die Wand“ ausgeschlossen bleibt.

Heinrich Steinfest. Der betrunkene Berg. Piper. 224 Seiten, 22,70 Euro