Furioses Literatur-FinaleDamon Galgut: Hinter dem Kap der letzten Hoffnung

Mit seinem preisgekrönten Roman "Das Versprechen" liefert Damon Galgut noch ein grandioses Buch dieses Jahres. Sein Epos über den Zerfall einer Familie ist zugleich eine Abrechnung mit der südafrikanischen Scheinmoral.

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Lakonisch bis zur Scherzgrenze: Damon Galgut (59) © APA/AFP BOSCH
 


Kein Zweifel: Afrika ist der Literaturkontinent des Jahres. Wobei den bisherigen, großartigen Entdeckungen in nächster Zeit sicherlich weitere bedeutsame Werke folgen werden. Die Verleihung des diesjährigen Literaturnobelpreises an Abdulrazak Gurnah gleicht der späten, überfälligen Einlösung einer Bringsschuld. Sein nun wieder aufgelegter Roman "Das verlorene Paradies" ist ein poetisches Meisterwerk, ein Monument in der Literaturlandschaft. Gleiches gilt für den Roman "Das Versprechen" von Damon Galgut. Für seine oft durch einen lakonischen Erzählton geprägte Chronik rund um den Niedergang und Zerfall einer südafrikanischen Familie erhielt er vor einigen Wochen den renommierten Booker-Prize. Der Luchterhand-Verlag wollte die bereits fertig gestellte deutschsprachige Version erst im kommenden Jahr veröffentlichen, zog ihn aber aus Aktualitätsgründen zeitlich vor.

Hintergrundrauschen

Schauplatz ist eine Farm im Umfeld von Pretoria. Der allmähliche Zerfall des Gebäudes wird zum Sinnbild für die familiäre Kluft, die sich nach und nach auftut. Die Geschichte umfasst mehr als drei Jahrzehnte, stets wählte Galgut wichtige politische Ereignisse oder Gegebenheiten in Südafrika für das Hintergrundrauschen. Am Anfang ist es die Apartheid, gefolgt von der Freilassung von Nelson Mandela, am Ende seiner Ära abgelöst von den oft skandalträchtigen und verlogenen Versuchen, Demokratie zu erlernen. Den Schlusspunkt setzt der Rücktritt von Präsident Jacob Zuma, der zur Schreckensfigur für Korruption, Rassismus und neuerliche Unterdrückung wurde. 

Selbsthass

Dies sind nur die Zeitfenster, die sich im Verlauf dieses enorm soghaften Werkes öffnen. Denn in großer Gelassenheit, unterlegt durch Ironie und Zynismen, erzählt Damon Galgut, wie die meisten Familienmitglieder, befeuert durch Hass, Selbsthass, Sauferei oder seelische Zerstörungswut Richtung Abgrund marschieren. Keiner hilft keinem. Meist nimmt Galgut die Position des allwissenden, also auktorialen Erzählers ein, aber er wechselt die Perspektiven auch in Richtung Bewusstseinsstrom oder hin zum kurzen, lockeren Geplauder mit seiner Leserschaft. All das erhöht die Eindringlichkeit und die magische  magischer Anziehungskraft bis hin zur Schmerzgrenze. Es ist eine Erzählreise hinter das Kap der letzten Hoffnung.

Erinnerungslücken

Der Titel des Romans beruht auf einem Versprechen, das die Mutter kurz vor ihrem frühen Tod der lange Jahre als treue, schwarze Haushaltshilfe tätigen Salome gab - sie sollte ein kleines Haus auf dem Farmgelände als Geschenk erhalten. Erinnern daran kann oder mag sich nach dem Tod es Vaters recht rasch allerdings fast niemand mehr. Die Zeit mag manche Wunden heilen, andere aber öffnet sie, konsequent und unaufhaltsam. "Du bist ein Ast, der seine Blätter verliert, und wirst eines Tages abbrechen? Und dann? Nichts dann. Andere Zweige werden deinen Platz einnehmen", heißt es gegen Ende dieses vielschichtigen Werkes, dem dieser Zerfall ganz sicher nicht droht. Zu gravierend ist all das heimtückisch locker Erzählte.

Lesetipp: Damon Galgut. "Das Versprechen". Luchterhand. 365 Seiten, 24,70 Euro.

 

 

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