Noble NeuauflageAbdulrazak Gurnah und "Das verlorene Paradies"

Kolonialismus, Unterdrückung, Sklaverei: Im zweiten Anlauf soll der Debütroman des Literaturnobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah, "Das verlorene Paradies", die ihm gebührende Leserschaft erhalten.

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Rechnet mit dem deutschen Kololialismus ab: Abdulrazak Gurnah © AFP
 

Das nennt man dann wohl Punktlandung. Sofort nach der Bekanntgabe des Literaturnobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah sicherte sich der finanzstarke Penguin-Verlag die Rechte für die deutschsprachigen Ausgaben der Werke des tansanischen Autors.
Und exakt zu den improvisierten Festivitäten, bei denen Gurnah in London die offizielle Auszeichnung erhielt, erscheint heute sein Debütroman „Das verlorene Paradies“ erneut.

Ein Bub als "Pfand"

Nach der Erstveröffentlichung im Jahr 1996 blieb dieses bedeutsame, aber vor allem für Deutschlands weitgehend verdrängende Vergangenheit in Afrika auch recht unbequeme Buch in unseren Breiten fast unter der Wahrnehmungsgrenze.
„Paradise“, so der Originaltitel, führt zurück an das Ende des 19. Jahrhunderts und an den Beginn der teils grauenhaften deutschen Kolonial-Herrschaft in Ostafrika.
Im Zentrum des Romans steht Yusuf, am Beginn seines verschlungenen Lebensweges ist er knappe zwölf Jahre alt. Er muss seine Familie verlassen, weil sein Vater seine Schulden bei einem reichen Kaufmann, „Onkel Aziz“ genannt, nicht mehr bezahlen kann. Yusuf diente als „Pfand“, eine höfliche Umschreibung für das Wort „Sklave“.

Kleiner Garten Eden

Yusuf landet in einer multikulturellen, fiktiven ostafrikanischen Stadt, reich an Sprachengewirr und geprägt durch religiöse Differenzen und Hierarchien aller Art. Der Bub wächst auf im Umfeld von Arabern, Indern und Zuwanderern aus allen Teilen Afrikas. In der Residenz seines neuen Herren entdeckt er hinter einer Mauer einen prächtigen Garten, der Yusuf fast wie ein Paradies auf Erden erscheint. Es ist sein kleiner Garten Eden. Er hegt und pflegt ihn gemeinsam mit einem alten Gärtner, aber bald schon muss Yusuf mit seinem „Onkel“ in einer großen Karawane zu Handelsexpeditionen ins Landesinnere aufbrechen.

Das wahre Herz der Finsternis

„Wir sind in der Mitte von Nirgendwo“, so lautet ein Schlüsselsatz dieses vielschichtigen Werkes, durch die sprachliche Virtuosität des Autors ganz der damaligen Zeit angepasst: emotionsreich, ironisch, liebevoll, abenteuerlich, grausam, mit einer Fülle markanter Figuren, bedroht von bösen Geistern, die, wie realistisch, im Westen des Landes lauern. Gurnah weiß nur allzu genau, worüber er, abgesehen von der Sehnsucht nach Freiheit, schreibt. Ende der 1960er-Jahre landete und strandete er in England.  Die Reise zum Herz der Finsternis, hier nahm sie ihren authentischen, lange verdrängten Verlauf.

Lesetipp: Abdulrazak Gurnah. Das verlorene Paradies. Pemguin. 333 Seiten, 25,70 Euro.

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