Geniale Kleinstadt-ChronikKent Haruf und sein letztes Gaunerstück

Lektüre mit Wehmut: "Ein Sohn der Stadt" ist der allerletzte Roman von Kent Haruf. Er schildert die Wandlung eines jungen Idols zur Hassfigur.

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Behutsamer Hüter seiner Romanfiguren: Kent Haruf © Wirezone
 

Es gibt dieses spezielle und unverwechselbare Kent-Haruf-Feeling, das sich bei der Lektüre seiner Romane stets schon nach wenigen Seiten einstellt. Bernhard Schlink, bekennender Haruf-Fan, beschrieb es so: „Kent Haruf nimmt uns mit, wohin wir nie wollten, und bald wollen wir von dort nicht mehr weg.“
Und doch heißt es jetzt, Abschied zu nehmen. Denn der Roman „Ein Sohn der Stadt“ ist definitiv das letzte Werk dieses grandiosen Chronisten der kleinen, berührenden Ereignisse, die oft große Folgen haben.

Unerwünschter Heimkehrer


Dem US-Autor, 2014 verstorben, gelang es, durch exzellente Sprach- und Erzählkunst eine fiktive Kleinstadt namens Holt zu errichten und den rund 3000 Bewohnern Gestalt, Kontur und Leben zu geben. Insgesamt sechsmal wurde dieses beschauliche Nest zum Zentrum fast alltäglicher Geschehnisse, denen Haruf aber, Schritt für Schritt, zu tieferer Bedeutung verhalf. Und ab und zu ging Schein-Idylle in Brüche.
In „Ein Sohn der Stadt“ kehrt ein einstmals populärer Held von Holt so unerwartet wie unerwünscht, nach acht Jahren zurück. Viel verbrannte Erde und Wut erwarten ihn. Zum einen tauchte er mit 150.000 Dollar unter, die eigentlich etlichen Gemeindemitgliedern gehörten, zum anderen ließ er seine Lebensgefährtin und zwei Kinder im Stich.

Mikrokosmos


Die Tat ist verjährt, das gestohlene Geld hat der Betrüger längst verjubelt. Lediglich einen protzigen roten Cadillac besitzt er noch, mit dem er sich lässig vor dem Gerichtsgebäude einbremst. Der Hass, der ihm entgegenschlägt, kümmert ihn wenig. Provokant stellt er Besitzansprüche und löst damit eine fatale Kettenreaktion aus.
So. Und damit verlassen wir Holt wieder, denn mehr über den weiteren Verlauf der Geschichte zu verraten, wäre ein eigener Fall von Gaunerei. Aber es ist immer wieder faszinierend, wie fürsorglich und berührend Kent Haruf all seine Gedankenkinder behandelt und wie viel Empathie auch in dieser Story steckt, fernab von jeglichen „Heile Welt“-Klischees oder Kitschigkeiten.
Es lohnt sich jedenfalls in vielerlei Hinsicht, einige Zeit in diesem feinsinnigen Mikrokosmos zu verbringen. Gut möglich, dass dies eines Tages auch mit der Ehrenbürgerschaft von Holt verbunden ist.

Lesetipp: Kent Haruf. Ein Sohn der Stadt. Diogenes, 284 Seiten, 24,70 Euro.

 

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