Buch der WocheJonathan Franzen brilliert auf dem familiären Kreuzweg

Mit dem grandiosen 800-Seiten-Epos "Crossroads beweist Jonathan Franzen, wer im Genre der epochalen Familienromane das Sagen hat.

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Jonathan Franzen
Jonathan Franzen © (c) EPA (Farrar, Straus And Giroux)
 

Russ Hildebrandt ist ein Versager. Tragikomisch, altmodisch, konfliktscheu. Aber er teilt sein Schicksal als schwankendes Oberhaupt einer sechsköpfigen Familie mit anderen Protagonisten, die Jonathan Franzen zuvor in die Welt setzte.
Jetzt, in Franzens neuem 800-Seiten-Roman „Crossroads“, sind also die Hildebrandts an der Reihe, um zum Spiegelbild einer Gesellschaft zu werden, die geprägt ist durch drei „Z“ – Zerwürfnis, Zerfall, Zeitenwandel. Vor Augen geführt durch eine alles andere als intakte familiäre Sechserbande, die nach allen Richtungen strebt.

Scheidewege


Einer der Hauptschauplätze des Romans ist eine Mennonitenkirche in einem Vorort von Chicago im Jahr 1971, genauer: am 23. Dezember. Einige Zeit leitete Russ dort eine Jugendgruppe mit dem Namen „Crossroads“, aber auch da wurde er durch seine muffigen Ansichten zum Auslaufmodell. Selbst im Schlechtsein war er ziemlich schlecht. Der (gecoverte) Song Crossroads wurde ja einst durch die Popgruppe Cream zum Hit, das Original stammt vom farbigen Bluessänger Robert Johnson. Und bei Franzen wird Crossroads zur Metapher für Scheidewege.

Geschichtenfächer


Die Ehe der Hildebrandts steht vor dem Ende. Der Versuch von Russ, durch einen Seitensprung einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen, mündet in einen Hüpfer. Zudem frischt seine Ehefrau Marion klammheimlich eine alte Jugendliebe auf. Es wäre müßig und sinnlos, aus dem Geschichtenfächer, den Franzen gewohnt brillant entfaltet, mehr als nur einige Federn zu nehmen, zumal die Familienstory enorm vielschichtig ist. Einer der Söhne, hochintelligent, aber arrogant, kifft und kokst sich ins Verhängnis, ein anderer meldet sich freiwillig als Soldat für den Vietnam-Krieg, die Tochter des Hauses verliebt sich in einen Popmusiker und tourt mit diesem durch Europa.
Und im Hintergrund rumoren, neben dem Vietnamkrieg, andere, brisante Themen – von der rebellischen Jugendkultur über den Rassismus bis zur heuchlerischen Bigotterie.

Trilogie


Eine Wurzelkunde also. Wobei „Crossroads“ in all seiner erzählerischen Pracht und Vielfältigkeit erst der Auftakt zu einer Trilogie ist. Sie trägt den wenig bescheidenen Titel „Ein Schlüssel zu allen Mythologien“. Vorerst erschließen sich die Motive dafür nicht, wohl aber die Ursprünge - Franzen nahm für eine Anleihe bei George Eliots „Middlemarch“. Und, immerhin, spielt sein Roman zur Advent- und Osterzeit.

Lesetipp:

Jonathan Franzen. Crossroads. Rowohlt. 832 Seiten. Erscheint am
5. Oktober.

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