Buch der Woche von Richard RussoMilde Wahrheiten und das tägliche Quantum Untröstlichkeit

Der große Romancier Richard Russo brilliert in seinem neuen Roman „Mittelalte Männer“ wieder als Chronist des amerikanischen Kleinstadtalltags.

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Der US-Romancier Richard Russo
Der US-Romancier Richard Russo © KK
 

William Henry Deveraux Jr., kurz Hank, tröpfelt vor sich hin – sein Leben auch. Die Prostata macht dem knapp 50-Jährigen zu schaffen, seine Ehe ebenfalls. Hank lebt in einer nicht weiter nennenswerten US-Kleinstadt und unterrichtet an einer Universität mit nicht weiter nennenswertem Ruf. Vor vielen Jahren hat Hank einen sehr erfolgreichen Roman geschrieben, doch seither: Funkstille.

Doch Hank hadert nicht, sondern hantelt sich mit Humor, den oft nur er selbst als solchen wahrnimmt, durch Tag und Jahr. Als ideologisches Unterfutter hilft ihm dabei das „Rasiermesser-Prinzip“ des mittelalterlichen Scholastikers Wilhelm von Ockham, das da lautet: Von mehreren möglichen Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen. Und die einfachste Theorie in Hanks Leben – und nicht nur in seinem – ist die: „Wenn wir für Besseres bestimmt wären, hätten wir es längst unter Beweis gestellt.“

Zur Person

Richard Russo, geboren 1949 in Johnstown (New York). Für seinen Roman „Empire Falls“ („Diese gottverdammten Träume“), der auch verfilmt wurde, erhielt er den Pulitzerpreis.

In seinem neuen Roman „Mittelalte Männer“ – in dem er aber auch deren „mittelalte Frauen“ im Visier hat – nistet sich der große Romancier Richard Russo wieder tief im Milieu des US-Kleinstadtalltags ein und porträtiert mit gewohnt menschenfreundlichem Blick seine buchstäblich angreifbaren Figuren mit all ihren Makeln, Marotten und Verwundbarkeiten. Es sind keine großen, eruptiven Tragödien, die sich in Russos Kosmos abspielen, sondern stille, aber zählebige Mikrodramen. Da geht es um aufgegebene Träume, das tägliche Quantum an Untröstlichkeit und um ständig größer werdende Defizite im Beziehungs- und Berufsleben.

Es brodelt unter der Oberfläche, nicht nur im Kleinen. Denn ohne es aufdringlich zum Thema zu machen, denkt Russo, wie stets, auch die Lage der (US-)Nation mit, und sein Hinweis auf die Baufälligkeit der maroden Kleinstadt Railton darf durchaus als Hinweis auf die Demontagearbeiten einer Abrissbirne namens Trump verstanden werden.

Diesem Autor hingegen ist alles Brachiale und Prahlerische fern. Mit „Mittelalte Männer“ hat Pulitzerpreisträger Richard Russo einen zutiefst mitfühlenden Roman geschrieben, in dem er Männer wie Frauen mit mildem Verständnis begegnet und sie nie der Lächerlichkeit preisgibt. Was nicht bedeutet, dass er ihnen nicht auch die Wahrheit zumutet. „Wir haben geglaubt, für etwas Größeres bestimmt zu sein“, sagt Hank an einer Stelle. „Wir waren es aber nicht.“ Ockham lässt grüßen.

Buchtipp: Richard Russo. Mittelalte Männer.
Dumont, 605 Seiten, 26,90 Euro.

KK
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