Bachmannpreis-Gewinnerin 2020Helga Schubert: "Selbstverständlich war ich am Grab von Ingeborg Bachmann"

Helga Schubert, Gewinnerin des Bachmann-Preises von 2020, im Gespräch über Friederike Mayröcker, Ingeborg Bachmann und ihr surreales Leben im vergangenen Jahr.

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Helga Schubert: Bachmann-Preisträgerin 2020 © ORF
 

In Ihrem Buch „Vom Aufstehen“, das nach dem Gewinn des Bachmann-Preises im Vorjahr erschienen ist, kommt auch die kürzlich verstorbene Friederike Mayröcker vor, mit der Sie gemeinsam für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert waren. Wie erinnern Sie sich an sie?
HELGA SCHUBERT: Ich habe sie als sehr aparte, schöne Frau erlebt, als hochbegabte Lyrikerin, die ich verehrt und von der ich viel gelesen habe. Auch in der DDR sind ihre „Reise durch die Nacht“ und andere ihrer Bücher erschienen. Mit Frau Mayröcker gemeinsam zu einem Preis nominiert worden zu sein, ist eine unglaubliche Ehre.

Wie lernten Sie sie kennen?
Bei einer DDR-Literatur-Veranstaltung in der Alten Schmiede in Wien. Dort habe ich gelesen, und in der ersten Reihe saßen Jandl und Mayröcker. Jandl ist nach der Lesung aufgestanden und hat gesagt: „Das ist europäische Literatur, sie hat die amerikanische Kurzgeschichte mit Meisterschaft europäisiert.“ (Lacht). Das darf ich zitieren! Als Mayröcker in Berlin eine Lesung hatte, bin ich hingegangen, und sie lud mich anschließend ein, mit ihr zu einem Abendessen in der österreichischen Botschaft zu kommen. Die Cheflektorin meines DDR-Verlages stand dabei und hat gesagt: „Sie gehen da nicht hin, so weit ist es noch nicht.“ Frau Mayröcker hat das gehört und freundlich gemeint: „Dann besuche ich Sie morgen in Ihrer Wohnung.“

Ist sie dann gekommen?
Ja. Sie sagte, ich solle ihr mein Berlin zeigen. Dann sind wir rumgelaufen, ich habe ihr die Mauer von innen gezeigt, das jüdische Viertel. Zurück in der Wohnung hat sie gesagt: „Wissen Sie, Frau Schubert, keinen Tag könnte ich hier leben.“ Da habe ich ihr gesagt: ich auch nicht. Einer Bewohnerin eines normalen demokratischen Staates wie Österreich muss das ja vollständig irrsinnig erschienen sein. Das hat ihr die Augen geöffnet für die vollkommene Absurdität, in der wir lebten.

Sie wurden ja schon vor 40 Jahren zur Teilnahme am Bachmann-Wettbewerb eingeladen, doch die DDR-Behörden ließen Sie nicht ausreisen. Warum konnten Sie trotzdem vor der Wende 1987 bis 1990 die neuerlichen Einladung, diesmal als Jurorin, annehmen?
1987 war ja der berüchtigte „bundesdeutsche Antikommunist Marcel Reich-Ranicki“ nicht mehr da, Peter Demetz hatte den Vorsitz. Und ich war schon etwas bekannter, hatte im Westen für „Das verbotene Zimmer“ 1982 den Hans-Fallada-Preis bekommen, ihn dann aber nicht annehmen dürfen.

Zur Person

Helga Schubert, Schriftstellerin, geb. 1940 in Berlin, studierte an der Humboldt-Universität Psychologie, arbeitete als Psychotherapeutin und freie Schriftstellerin in der DDR, bereitete als Pressesprecherin die ersten freien Wahlen mit vor Preise: 2020 Bachmann-Preis; 1986 Heinrich-Mann-Preis; 1993 Hans-Fallada-Preis

Wieso konnten Sie überhaupt im Westen bei Luchterhand publizieren?
Wir hatten einen Zweitwohnsitz gegenüber von Christa Wolf, die uns auch hierher nach Mecklenburg geholt hatte. Dort hörte eine Luchterhand-Lektorin von meinem Buch, das in der DDR keine Druckerlaubnis bekommen hatte. Sie wollte es herausbringen, aber völlig offiziell, damit der Verlag nicht die Lizenzen von Christa Wolf und anderen verliert. Nach Verhandlungen mit den Behörden musste ich zwar alle Devisen-Einnahmen der DDR überlassen, durfte nicht die Weltrechte an Luchterhand vergeben und kein Westkonto haben, das war als Devisenbetrug strafbar, aber das Buch konnte in Westdeutschland erscheinen und erhielt auf Anhieb den Fallada-Preis zugesprochen. Für dasselbe Buch, ohne drei der ursprünglichen Erzählungen habe ich zwei Jahre später im Osten den Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR bekommen.

Sie hatten also auch schon im Westen einen Namen als Autorin, als 1987 die Einladung als Bachmann-Jurorin kam.
Die DDR-Behörden wollten sich vor Österreich nicht lächerlich machen, bestanden aber auf einem zweiten Juror aus der DDR. Der war dann ein mittlerweile verstorbenes SED-Mitglied, saß neben mir und wollte immer, dass ich anders argumentiere. Ihm ging es um sozialistische, um realistische Literatur, ich sollte nur die DDR-Leute loben. Dann habe ich mich neben Demetz gesetzt. Mit ihm konnte ich mich über Literatur unterhalten, über Gesichtspunkte der Bewertung. Das war wunderbar!

Wie ging es Ihnen als Jurorin?
Ich habe mich in der Jury oft auf der falschen Seite gefühlt, weil ich mich mit den Autoren identifiziert habe, Mitleid hatte, wenn sie verspottet wurden.

Als Autorin konnten Sie im Vorjahr nur per Video dabei sein. Welche Erinnerungen haben Sie an das Klagenfurt von 1987?
Das war wie ein Märchen für mich! Diese wunderbare Stadt mit ihren Innenhöfen! Diese Dichter hatten dann immer ihre schöne Begleitung bei sich, die Redakteure saßen beim Wein, immer so ein Armani-Jackett über den Schultern, alle so studiert, alle so wienerisch. Doch jetzt war nicht Wien, sondern Klagenfurt die Hauptstadt! Selbstverständlich war ich am Grab von Ingeborg Bachmann, habe alles gelesen von ihr. Ich kam in eine Welt, in der auf andere Art diskutiert wurde, es war alles offener, nicht so feindlich untereinander. Ich fühlte mich wirklich frei.

Wie war für Sie das vergangene Jahr als Bachmann-Preisträgerin?
Ich bin jetzt 81, alle sagen „Du siehst aus wie 60“. Das kommt daher, dass ich mich so freue über dieses letzte Jahr! Das ist beruflich wie ein Zeitraffer. Seit dem Erscheinen des Buchs im März hat der Verlag 100.000 Exemplare gedruckt! Dabei bin ich ein paar Tage nach dem Bachmann-Preis fast gestorben! Es ist irre, alles gleichzeitig!

Nach einem Sturz mit einem Tablett voller Gläser waren Sie schwer verletzt ...
Ich rutschte in meinem eigenen Blut aus, konnte gerade noch den Notruf alarmieren. Ich dachte, es geht mir jetzt wie Ingeborg Bachmann mit dem Feuer. Gestern bin ich das erste Mal zu einer Lesung nach Rostock gefahren, es war das Paradies. Ich bin in einer so surrealen glücklichen Welt! Ich weiß ja, dass alles endlich ist ...

 

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