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Buch der StundeJuli Zeh: Corona und die "Übermenschen"

Mit der Dorfchronik "Über Menschen" schuf Juli Zeh den Roman der Stunde - über Corona, den geistigen Lockdown und die ansteckende Infektion durch Fehlurteile.

Überwindung der Vorurteile: Juli Zeh © ZDF/Jule Roehr
 

Schon einmal, in „Unterleuten“, ließ Juli Zeh die trügerische dörfliche Scheinidylle zusammenkrachen, bis kein Stein mehr auf dem anderen blieb. Auch „Über Menschen“, ihr neuer Roman, führt in die tiefe Provinz von Brandenburg, Hochburg der Rechten. Ihre Protagonistin Dora, runde 35 Jahre alt, weiß durchaus, worauf sie sich einlässt, als sie ein desolates Gutshaus im fiktiven Kaff Bracken bezieht. 285 Einwohner zählt der Ort, 37 Prozent sind bekennende AfD-Wähler und Wählerinnen. Sie ist dennoch bereit, all das in Kauf zu nehmen. Auch den Gruß ihres neuen Nachbarn. „Angenehm. Ich bin hier der Dorfnazi“ lautet sein Salut.

Große Welt im Kleinen

Weitermachen, nur nicht nachdenken ist Doras erste Reaktion. Sie will weg, von allem. Eine Fluchtbewegung, mit dem Horror der aus allen Fugen geratenen Welt als Turbo. Hinter sich ließ sie Berlin, den Lockdown, ihren Job als Werbetexterin, die Coronaleugner und eine kaputte Beziehung. Mit auf die Reise nahm sie ihre Hündin, die auf den sonderbaren Namen Jochen-der-Rochen hört.
Juli Zeh versteht es erneut eindringlich, einen Mikrokosmos zu nützen, um darin alle aktuellen Bedrohungen, Gefahren und Heucheleien zu verpacken. Vom Virus-Horror über den Klimawandel bis zum Vormarsch der Rechtspopulisten, der auch dem Titel eine zweite Bedeutung verleiht: die grauenhafte Vermehrung der „Übermenschen“, einst und jetzt wieder

Grenzen lösen sich auf

Doch diesmal hat die Autorin, die selbst seit rund zehn Jahren in einem Dorf in Brandenburg lebt, ein anderes Ziel im Visier. Sie nützt die Hermetik des Dorfes mit all seinen Handlungsträgern, unter denen sich auch ein Schwulen-Paar befindet, um exemplarisch vor Augen zu führen, dass sich die Trennungslinien zwischen Gut und Böse verwischen, dass sich hurtige Vorurteile rasch in Fehlurteile verwandeln, weil einige Menschen nicht in das vorgefertigte Korsett oder Schema passen. Und weil sie den Begriff "Dorfgemeinschaft" durchaus wörtlich nehmen, fernab von gröberen Gemeinheiten, fernab von den Folgen der immer wieder mit falschen Tönen propagierten sozialen Distanzierung
„Über Menschen“ ist ein brisantes, bedeutsames, entlarvendes Buch der Stunde, über das Wanken vieler Werte, Denklähmungen und Masken in den Gehirnen der wahren Tarner und Täuscher, der Untermenschen mit dem Über-Ego. Eine brisante Geschichte über den geistigen und moralischen Lockdown, die doch auch ein kleines Fenster offen lässt - mit dem Blick auf das Prinzip Hoffnung. So gesehen ist der Roman auch eine kleine Moralinjektion zur richtigen, weil falschen und an Ungewissheiten reichen Zeit

LESETIPP.

Juli Zeh. Über Menschen. Luchterhand, 416 Seiten,
22,70 Euro.

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