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Magic Moments: BücherZumindest literarisch war es ein erlesenes Jahr

Auch wenn die Welt "dort draußen" 2020 teilweise stillstand, die Welten in den Büchern boten bewegende, spannende, erkenntnisreiche und beglückende Alternativen. Hier eine Best-of-Auswahl von unseren Kulturredakteur*innen.

Bücher sind Lebensbegleiter, auch durch schwierige Zeiten
Bücher sind Lebensbegleiter, auch durch schwierige Zeiten © (c) AP (Michael Probst)
 

Am Ende die Stille

In seinem fast 1000 Seiten dicken Romanbrocken „Unterwelt“ hat Don DeLillo mit messerscharfem Verstand und in einem erzählerischen Kraftakt die Untiefen des US-Kontinents ausgelotet, für die Zustandsbeschreibung der gesamten Welt benötigt dieses literarische Schwergewicht nur etwas mehr als 100 Seiten. Der Zusammenbruch der Zivilisation scheint eingeläutet. Die Telefone funktionieren nicht, die Bildschirme bleiben schwarz, sämtliche Technologien brechen zusammen, selbst das allwissende Internet schweigt. Was genau passiert ist, erfährt der Leser nicht. Don DeLillo hat dieses furiose, beklemmende, zeitweise absurde Kammerspiel mit Beckett’schen Zügen im New York des Jahres 2022 angesiedelt. Endspiel also. Dem Buch ist ein Zitat von Albert Einstein vorangestellt: „Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der Dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im Vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.“ BM
Don DeLillo.
Die Stille. Kiepenheuer & Witsch,
112 Seiten, 20,90 Euro.

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Jeder Satz ein Treffer

Wir wollen dem guten Mann ja nichts Böses unterstellen, aber es kann durchaus sein, dass die Seele eines – zum Glück verbalen – Scharfschützen in ihm schlummert. Jedes Wort ein Treffer, jeder Satz eine Vollzugsmeldung. Nicolas Mathieu macht keine Gefangenen, bietet keinen Trost, kratzt jeden Zuckerguss vom Leben und zeigt sein „Personal“ in einer Nacktheit, die auch beim Leser ein Frösteln verursacht. Dennoch – und das ist die große Kunst dieses Literaten – gibt er sich nie die Blöße, seine Figuren die Würde zu nehmen. Das übernehmen schon andere. Rose Royal. Nichts Königliches an dieser Frau, ein Leben im Mittelfeld; lauwarm, aber durchaus erträglich. Die Ehe geschieden, die Kinder schon erwachsen, der Job Routine. Rose „hatte jenes schwierige Alter erreicht, in dem sich die verbliebene Frische, das Funkeln im Alltag aufzulösen schien“. Mit den Männern hat diese Frau abgeschlossen. Um sich „die Dreckskerle“ vom Leibe zu halten, legt sie sich einen Revolver zu, damit die Angst endlich die Seite wechselt. Sein famoser Vorgängerroman „Wie später ihre Kinder“ hat in die triste französische Provinz der 1980er-Jahre geführt, jetzt dringt Mathieu auf  noch eine Schicht tiefer und porträtiert voll brutaler Schönheit – anders kann man es nicht nennen – das Leben einer Frau, der nicht einmal ein Mindestmaß an Respekt und Würde zuerkannt wird. BM
Nicolas Mathieu.
Rose Royal. Hanser-Berlin. 95 Seiten, 18,90 Euro.

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Leben und Leiden in Leith

Da sind sie also wieder und torkeln durch eine Welt, die nicht gnädiger geworden ist: Renton und Spud, Sick Boy und Begbie. Jenes drogen- und aggressionspralle Männerquartett aus Leith (Edinburgh), dem der schottische Autor Irvine Welsh 1993 mit seinem Kultroman „Trainspotting“ (später verfilmt von Danny Boyle) ein Denkmal gesetzt hat, das von Anfang an Risse zeigte. Der eine oder andere wurde darunter begraben, andere überlebten mit schweren Blessuren. Immer wieder hat Welsh „Trainspotting“-Figuren in seine Bücher eingebaut, doch jetzt schickt er seinen toxischen Männerhaufen mit „Die Hosen der Toten“ ins große Finale. Und obwohl der Zug nicht mehr so heftig ruckelt und einige Insassen mittlerweile in besseren Klassen sitzen – viele Gewinner gibt es auch auf dieser letzten Teilstrecke der Reise nicht. Der gallige, mitunter klobige Humor von Irvine Welsh führt auch in diesem bitteren Abgesang an seine Trainspotter oft auf die falsche Fährte. Trotz deftiger Sprache und brachialer Handlung ist der Autor seiner Loser-Gang mit großer Empathie verbunden. BM
Irvine Welsh:
"Die Hosen der Toten". Heyne. 480 Seiten, 22,70 Euro.

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Mörderische Dichterjagd

Eigentlich besitzt jeder Autor, jede Autorin, die ihre Geschöpfe zum literarischen Leben erwecken, eine ungeheuerliche Macht über ihre Figuren. Völlig verantwortungslos können sie ihre Gestalten grauenhaft leiden lassen, quälen oder gar, im schlimmsten Fall, vorzeitig ins Jenseits schicken. Was aber passiert, wenn einer dieser Protagonisten, der noch dazu Memento Mori heißt (also „Sei dir der Sterblichkeit bewusst“), erkennt, dass er mit einer Zeitmaschine kreuz und quer durch die Literaturlandschaft düsen kann? Mehr noch: Er ist in der Lage, all den geplagten und gequälten Wesen beizustehen und vor ihrem Schicksal zu bewahren. Kaum zu zählen sind all die grotesken, absurden, urkomischen Geschichten, die von Beka Adamaschwili (30) in seinem neuen Roman „In diesem Buch stirbt jeder“ aufgetischt werden. Ziemlich durchtrieben und enorm belesen treibt der 30-jährige Georgier nicht nur seine Spielchen mit der Weltliteratur, er führt auch die Leserschaft immer wieder an der Nase herum. Schließlich fühlt er sich als Autor durch diese Rebellion bedroht und schreitet zum Gegenangriff. Dieser Autor verweigert sich jedem konventionellen Erzählen. Das bewies er schon eindrucksvoll mit seinem Roman „Bestseller“ international mit Lobeshymnen bedacht. In diesem Vorgänger-Werk schickt er seinen erfolglosen Dichterhelden in die Literaturhölle, wo er etliche literarische Rätsel lösen muss.  Wer zwischendurch kluge Bücher mag, die anscheinend völlig aus dem Ruder laufen, der sitzt hier ganz gewiss im richtigen Boot. Dass es da oder dort ein Leck hat, damit muss allerdings gerechnet werden. Gebohrt hat es sicher der Autor. WK
Beka Adamaschwili.
In diesem Buch stirbt jeder. Volant & Quist. 208 Seiten, 25,90 Euro.

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Berührend-beklemmendes Familien-Epos

Es gibt Bilder im Kopf, die krallen sich fest, die vergisst man nicht mehr. s Sie sind schauderhaft, trotzdem machen sie auch Mut. Eines dieser Bilder zeigt eine Frau, die mehr als 50 Tage lang auf der Spitze eines Berges steht. Kahl geschoren, in fest vorgeschriebenen starren Posen. Sie soll einer kleinen Pflanze Schatten spenden. Tagtäglich, vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Diese Frau gab es tatsächlich. Sie heißt Eva Panic-Nahir, sie wurde in Jugoslawien verehrt als Symbolfigur für den Überlebenswillen. Ihr Leidensweg wurde mehrmals verfilmt. David Grossman war mit dieser stillen, großen Heldin bis zu ihrem Tod vor fünf Jahren eng befreundet. Und er bat sie, ihre Lebensgeschichte in einen Roman einbetten zu dürfen, mit vielen dichterischen Freiheiten. Entstanden ist daraus „Was Nina wusste“, ein berührendes, beklemmendes Epos über eine kroatisch-israelische Familie, zerklüftet, gespalten, traumatisiert. Es ist aber vor allem auch die Geschichte über drei Frauengenerationen. Mit der Großmutter Vera (alias Eva) im Zentrum. Sie weigerte sich kurz nach dem Krieg, ihren geliebten Mann als Kriegsverräter zu denunzieren, landete dafür auf der Strafinsel Goli Otok, auch „Titos Gulag“ genannt, und ließ ihre sechsjährige Tochter im Stich. Dort, auf der Insel unfassbarer Sadismen, ist der Kern aller familiären Konflikte und Tragödien zu finden, dorthin reist die Familie, um nach 60 Jahren der Verdrängungen vielleicht endlich Frieden zu finden. Mehr über den Inhalt preiszugeben, käme einem Verrat gleich. Dieses Werk zählt zu den Pflichtbüchern des Jahres. WK
David Grossmann.
Was Nina wusste. Hanser, 352 Seiten, 25,90 Euro.

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Wundertüte mit 1000 Geschichten

Aus einer Geschichte entsteht eine andere“. Das ist ein Schlüsselsatz für „Apeirogon“, Opus magnum des graniodsen irischen Erzählkünstlers Colum McCann. 1000 Geschichten enthält seine Welterforschung, etliche weitere ließen sich daraus formen. Es sind Assoziationsketten, sie ergeben ein ebenso präzises wie erschütterndes und berührendes Zustandsbild. Ein Zentrum hat dieses virtuose literarische Wunderwerk, angesiedelt im Westjordanland. Es ist die Geschichte von Rami, einem Israeli, der seine Tochter bei einem Attentat verlor, und von Bassam, einem Palästinenser, dessen Tochter, knappe zehn Jahre alt, von einem israelischen Grenzsoldaten erschossen wurde. Aus Notwehr, wie es offiziell hieß. Aber die beiden Väter hegen keine Rachegedanken, sie versöhnen sich. as Apeirogon ist eine geometische Figur mit einer unendlichen Menge an Seiten. Colum McCann nähert sich dieser Unendlichkeit durch verblüffende und fazinierende Gedankensprünge. Sie führen von John Cage hin zur Erfindung des Molotowcocktails, von Borges bei einem Jerusalembesuch ins KZ Theresienstadt. Colum McCann macht vertraut mit der (gefährlichen) Route der Zugvögel, die über Israel führt, auch dies ein Symbol für die rare Gabe, vieles in Schwebe zu halten und letztlich doch zu einem großen Ganzen zu fügen.
Mühelos überwindet McCann alle Grenzen des konventionellen Erzählens und liefert ein Kompendium an Weisheiten. Doch über allem schwebt der Traum vom Frieden im Nahen Osten und die Hoffnung, endlich miteinander zu reden und die Waffen schweigen zu lassen. Ein Meisterwerk von schier unfassbarer geistiger, emotionaler und humaner Größe. WK
Colum McCann.
Apeirogon. Rowohlt, 600 Seiten, 25,70 Euro.

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Vom Leben in zwei Heimaten

Leyla ist die Tochter eines jesidischen Kurden und einer deutschen Mutter. Sie lebt mit ihrer Familie bei München, wo sie auch geboren ist. Jeden Sommer reist das Mädchen mit seiner Mutter ins Dorf der jesidischen Großeltern: „Kurdistan lag in der Syrischen Arabischen Republik, reichte aber darüber hinaus (Anmerkung: Irak, Türkei). Es hatte keine offiziell anerkannten Grenzen.“ Es ist die eigene jesidische Familiengeschichte, die Ronya Othmann (27) da in ihrem Debütroman erzählt. Wie die Autorin, Journalistin und Gewinnerin des Publikumspreises beim Bachmannwettbewerb 2019 das tut, ist nüchtern, fast distanziert, ihre Sprache ist schmucklos, aber dennoch sinnlich, poetisch, aber nicht pathetisch. Die Schilderung des Lebens in zwei Welten nimmt von Anfang an gefangen: hier das Aufwachsen eines Teenagers in Deutschland, mit Schulsorgen, Verliebtheiten und Selbstzweifeln. Dort das sommerliche Eintauchen in eine archaische Welt, wo man aus Furcht vor Schlangen auf Hochbetten im Freien schläft und ein Nachbar bei der Großmutter vorbeikommt, um einen Brautpreis für die Enkelin aus Europa auszuhandeln. Raffiniert verknüpft Othmann die Erinnerungen an die Großmutter-Sommer mit den bedrückenden Erzählungen ihres Vaters über Verfolgung und Folter und dem, was sie in Europa aus den Medien erfährt. Zum wiederholten Mal in der Geschichte fand 2014 ein Genozid an der ethnisch-religiösen Minderheit der Jesiden statt (monotheistisch, nicht christlich). Der politische Islam hatte sich die Ausrottung der „Ungläubigen“ auf seine Fahnen geheftet. KW-P
Ronya Othmann.
Die Sommer. Hanser,  288 Seiten, 22,70 Euro.

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Margherita: Sie kannte Peggy Guggenheim und Pablo Picasso

Fakten und Fiktion: Die in Kärnten und Venedig lebende Autorin Jana Revedin schrieb ein schillerndes Porträt der Großmutter ihres Mannes. Für alle, die es derzeit nicht riskieren wollen, nach Venedig zu fahren, ist dieses Buch adäquater Ersatz und stimmungsvolle Einladung zu einer Zeitreise in die Serenissima. Anhand der Lebensgeschichte einer außergewöhnlichen Frau lässt die Autorin die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Lagunenstadt lebendig werden. „Margherita“ war die Großmutter von Revedins Ehemann, dem heutigen Hafendirektor Venedigs, und eine schillernde Figur. Der venezianische Adelige Antonio Revedin hatte 1920 die junge Zeitungsausträgerin aus Treviso geheiratet und sie in die aristokratische Gesellschaft eingeführt, die sie aber nie als eine der Ihren annahm. Doch Margherita brachte Künstler und Prominente an den Lido, war Mitbegründerin der Filmfestspiele und des Golfplatzes und veranstaltete rauschende Feste. Die schrille Amerikanerin Peggy Guggenheim wurde ihre beste Freundin, Coco Chanel kleidete sie ein. Greta Garbo und Clark Gable, Cole Porter und Francis Poulenc, Pablo Picasso und Aldo Rossi waren zu Gast. Mit ihrem Mann und anderen Unternehmern entwickelte Margherita den Kur-, Kultur- und Naturtourismus der damaligen Zeit. Neben all den historischen Details entwirft die Autorin ein Frauenleben, dem auch Krisen und Ängste nicht fremd sind. Beim nächsten Venedig-Besuch wird man sich vielleicht erinnern an diese inoffizielle, heute so gut wie vergessene First Lady der Lagunenstadt. KW-P
Jana Revedin.
Margherita. Aufbau-Verlag, 304 Seiten, 22,90 Euro. 

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Opulenter Historienschmöker

Dass der Mann hervorragende historische Romane schreibt, weiß man seit Jahrzehnten. Genau genommen seit dem 1989 erschienen Bestseller „Die Säulen der Erde“, in dem Ken Follett anhand des Jahrzehnte dauernden Baus einer Kathedrale im fiktiven südenglischen Ort Kingsbridge vom mittelalterlichen England des 12. Jahrhunderts erzählt hat. Zwei weitere Teile folgten – darunteder Roman „Das Fundament der Ewigkeit“, der in die europäischen Glaubenskriege des 16. Jahrhunderts führte. Nun geht Follett einen großen Schritt zurück: In Teil vier der Kingsbridge-Reihe erzählt er von den ersten Ursprüngen des Ortes anhand von vier Personen: dem Bootsbauer Edgar, dem ehrgeizigen Bischof Wynstan, dem idealistischen Mönch Aldred und der normannischen Grafen-Tochter Ragna. Die Geschichte beginnt mit einem Überfall der Wikinger, die von der Normandie aus die englische Küste terrorisieren. Intrigen, Liebe, Gewalt, Betrug: Opulent und kundig wird das auslaufende erste Jahrtausend quer durch Gesellschaftsschichten durchexerziert. Dabei darf man sich darauf verlassen, dass Ken Follett sein historisches Material perfekt im Griff hat, immerhin beschäftigt der 71-jährige Brite einen zwanzigköpfigen Mitarbeiterstab. Ein Garant für viele fesselnde Stunden – und zwar nicht nur dann, wenn man sich für das englische Mittelalter interessiert.   MF
Ken Follett.
Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit. Lübbe, 1024 Seiten, 36 Euro

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Großartiger Noir-Krimi

Geradlinig, schnörkellos und rasant: Robert E. Dunn erzählt einen packenden Noir-Krimi aus dem Grenzgebiet USA-Mexiko. Longview Moody macht den Geldboten für ein Drogenkartell und findet sich bald in der Wüste wieder, wo er sein eigenes Grab schaufelt. Eine starke Einstiegsszene, der noch viele starke Szenen folgen sollen, in deren Lauf er anstelle seines Bruders als Polizeichef in Lansdale landet, einem kleinen Ort in Texas nahe der Grenze zu Mexiko. Auch dort will ein mexikanisches Drogenkartell seinen Einfluss noch ordentlich ausbauen, während die DEA (Drogenvollzugsbehörde) ein undurchsichtiges Spiel spielt. Schon bald ist Longview in einen Krieg verstrickt, in dem sich nicht nur reihum die Toten stapeln, sondern dem er mit seinen ganz eigenen Erfahrungen als Verbrecher eine ganz neue Dimension gibt. Denn schließlich geht es nicht um die Guten auf der einen und die Bösen auf der anderen Seite. In Wahrheit ist der Drogenkrieg ein Milliarden-Geschäft, an dem auch zahlreiche Arbeitsplätze hängen (auch in den Vollzugsbehörden). "Dead Man´s Badge" ist großartig erzählt. Longview ist vielleicht abgebrüht, hat aber in seiner verqueren Logik das Herz am rechten Fleck und außerdem eine herrliche Portion Zynismus, mit der er das Leben betrachtet. "Der Kerl hätte mich mit einem Lächeln kaltgemacht. Ich konnte ihn genauso gut hier zum Sterben in der Wüste zurücklassen, aber so grausam bin ich nicht. Ich bin viel schlimmer." Fesselnd bis zur letzten Seite! MF
Robert E. Dunn. Dead Man´s Badge. Luzifer-Verlag, 360 Seiten, 15.40 Euro

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Meisterhaftes Porträt einer Kleinstadt im Outback

Schmierereien, Kupferdiebstähle, Trunkenheit am Steuer – es sind eher kleine Verbrechen, die Constable Paul Hirschhausen, genannt Hirsch, umtreiben. Mitten im australischen Outback ist er oft viele Kilometer unterwegs, um sich um seine „Klienten“ zu kümmern, die auf kleinen Farmen leben und wo er oft der einzige Gast und Gesprächspartner ist. Stationiert ist er in Tiverton, einem kleinen Ort, wo er als einziger Gesetzesvertreter auch gleich in der Polizeistation wohnt. Die Arbeit ist hart im australischen Busch, das Einkommen gering und Alkohol und Drogen gaukeln auch hier Abhilfe gegen die Einsamkeit vor. Gerry Disher lässt seinen sympathischen Constable zum zweiten Mal nach dem vielgelobten Roman „Bitter Wash Road“ ermitteln. Jugendliche Straftäter, die sich ein Auto „geborgt“ haben, eine Mutter, die ihr Kind während der größten Hitze im Auto gelassen hat, ein paar Ponys, die bei einem nächtlichen Massaker schwer verletzt werden, die erste Leiche: Es dauert ein bisserl, bis der Krimi Fahrt aufnimmt. Disher lässt sich viel Zeit, die sozialen Verhältnisse, die Abneigungen und Abhängigkeiten in der kleinen Gemeinde, die auf riesigem Gebiet wohnt, nachzuzeichnen. Wie beim Zwiebellook entblättern sich da Schicht für Schicht die  Ungeheuerlichkeiten und die diversen Erzählfäden mit kleineren und größeren Verbrechen verknüpfen sich kunstvoll zum letztlich überraschenden Finale. Staubtrocken wie die Landschaft ist zwischendurch der Humor und Disher verliert kein Wort zu viel für sein meisterhaftes Porträt einer Kleinstadt im australischen Outback. MF
Gerry Disher. Hope Hill Dirve. Unionsverlag, 336 Seiten, 22.70 Euro

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