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Buch der Woche Colson Whitehead zeigt Amerikas düstere Seiten

„Die Nickel Boys“ von Colson Whitehead belegt auf grauenhafte Weise, wie die Hoffnung auf Gleichberechtigung in den USA platzte.

lit.Cologne - Colson Whitehead
Besserungsanstalten, die zu "Fabriken des Grauens" werden: Colson Whitehead © APA
 

In jüngerer Zeit widmen sich in den USA zahlreiche politisch engagierte Literatinnen und Literaten einem Thema, das wieder enorme Brisanz bekam: Es ist die Wiederkehr und rasante Zunahme der Rassendiskriminierungen, speziell in den Provinzstädten der Südstaaten. Dort wütet die Aryan Brotherhood, also die Arische Bruderschaft, die den Ku-Klux-Klan längst rechts überholt hat. Paul Beatty trieb seinen Zorn und seine Verbitterung in der unbedingt lesenswerten Satire „Der Verräter“ auf die Spitze. Er verklagt in seinem Roman den Staat und fordert die Wiedereinführung der Sklaverei und der Rassentrennung. Verantwortlich gemacht für die Misere wird aber, und das mag für manche erstaunlich sein, nicht Mister Trump, sondern sein Vorgänger Barack Obama. Hauptvorwurf: er habe viele falsche Hoffnungen geweckt und kläglich versagt.

Vertuschte Geschichte

In eine frühere Ära aufkommender Hoffnung führt Colson Whitehead in seinem Roman „Die Nickel Boys“. Nickel heißt eine der zahlreichen Besserungsanstalten für Minderjährige und Jugendliche, vorwiegend mit afroamerikanischen Wurzeln. Die Gründe für die Inhaftierung sind lächerlich und zynisch, die Gewaltorgien durch die sadistischen Aufseher sind grenzenlos. Etliche Insassen überleben den Aufenthalt nicht, nicht wenige der Verstorbenen werden außerhalb des Anstaltsgeländes verscharrt. Offiziell gelten sie als flüchtig.
Das Nickel in Tallahassee gab es in den 1960er-Jahren, als Martin Luther King seinen amerikanischen Traum verkündete. nicht. Es ist, natürlich auch abgesehen von den Figuren, jedoch die einzige Erfindung von Colson Whitehead. Er stieß vor einigen Jahren auf die lange vertuschte Geschichte der Dozier School in Marianna (Florida), er fand Berichte von Überlebenden und Details über den zufällig entdeckten Grabhügel.

Fabrik des Grauens

Schonungsloser Realismus prägt diesen weitgehend auf Fakten beruhenden Roman über eine der vielen „Fabriken des Grauens“, wie es in einer der Passage des Buches heißt. Die literarische Aufbereitung mit dem Schicksal des Waisenjungen Elwood im Zentrum ist beklemmend und berührend, weitaus wichtiger aber ist die Tatsache, dass Colson Whitehead ein verdrängtes Kapitel der jüngeren US-Geschichte an das Tageslicht holte. Reich an Verbrechen, die ungestraft blieben, ebenso reich an tiefen, gespenstischen ethnischen Spaltungen, die auch heute keineswegs überwunden sind.

Buchtipp: Colson Whitehead. Die Nickel Boys. Hanser, 224 Seiten, 23,70 Euro.

 

 

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