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Buch der Woche Sorokin wirft Tschechow auf den Grill

Vladimir Sorokin, couragierter Putin-Gegner, tanzt der Obrigkeit auch mit seiner neuen Satire virtuos auf der Nase herum.

Kochbuch, mit Zynismus gewürzt: Vladimir Sorokin © Kiepenheuer & Witsch
 

Opportunismus lässt sich ja mitunter recht leicht kaufen, Mut hingen selten oder gar nicht. Speziell dann, wenn der Autor Vladimir Georgijewitsch Sorokin heißt. Seit etlichen Jahren tritt er in scharfen Worten als Putin-Gegner und Kritiker des Regimes und Bonzentums in Erscheinung. Sanktionen blieben bisher aus. Aus listigem Grund. Sorokin wählt für seine Werke ein Hintertürchen, zu dem selbst die Zensoren keinen Zugang finden. Er behauptet, satirische Zukunftsromane zu schreiben, die mit der Realität in Russland rein gar nichts zu tun haben.
Ein cleveres Tarnmäntelchen, denn aktuelle Querbezüge sind natürlich stets vorhanden. Aber diese Aufbereitung, reich an tiefschwarzem Zynismus, ermöglicht Sorokin Ein- und Ausfälle in allen Richtungen. Mehrfach wurden seine Romane, gewiss zähneknirschend, in Russland preisgekrönt. Mehrmals aber musste Sorokin auch miterleben, wie seine Bücher, haufenweise gestapelt, öffentlich verbrannt wurden. Die Behörden griffen nie ein. Eigentlich erstaunt das nicht.

Es wäre jedoch nicht Sorokin, würde er nicht mit einer Retourkutsche reagieren. Natürlich wieder mit einer Science-Fiction-Satire, die sich Literaturfreunden durchaus auf den Magen schlagen könnte. In „Manaraga – Tagebuch eines Meisterkochs“ dienen die letzten noch vorhandenen Bücher in kostbarer Originalversion als brennender Ersatz für Grillkohle. All das ist illegal, aber enorm exklusiv und sündteuer. Denn mitunter werden die Bücher aus Museen entwendet, ehe sie, hoch zeremoniell, im Griller landen. Gleich zum Auftakt der völlig schrägen Gourmet-Groteske gibt es „Schaschlyk vom Stör auf dem ,Idioten‘“. Gedruckt auf Velinpapier, ausreichend für acht Spieße.

Book’n’Griller nennt sich der Modetrend. Sarkastisch grillt sich Sorokin gemeinsam mit seinem Protagonisten Géza, einem weltweit begehrten Drei-Sterne-Koch, quer durch die Weltliteratur; von Goethe bis Joyce. Er spöttelt über die niedrigen Brennwerte von Gogol und tischt sogar ein „Schnitzel auf Schnitzler“ auf. Auch geografisch und politisch bleibt in dieser Flambier-Farce kein Stein auf dem anderen. Europa verlor Kriege gegen die Islamische Revolution, Russland existiert nicht mehr, die russische Sprache wird nur noch von einer Minderheit beherrscht. Budapest schafft den Sprung zur europäischen Metropole. Bayern verwandelt sich in ein Königreich und widersteht all den Schlachten.

Eine wichtige Rolle spielt der Berg Manaraga. Den gibt es tatsächlich, im nördlichen Uralgebirge. Der Berg ist nur 1662 Meter hoch, er gilt als magisch und heilig – und er ist wegen seiner rasanten Wetterumstürze auch unter Profi-Bergsteigern in der Kategorie „fast unbezwingbar und lebensgefährlich“ zu finden. Mehr zu verraten, wäre Pointenmord. Aber Sorokin hat erneut virtuos den Gipfel der Realsatire erklommen. Mit sehr viel Biss und Bissigkeit.

(Vladimir Sorokin: "Manaraga". Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, 20,60 Euro).

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