Bitte warten - Ihr Zugang wird eingerichtet.

Biograph Jan Caeyers"Beethoven war ein normaler, netter Mensch"

Ludwig van Beethoven hat um 1800 die Musik revolutioniert. Der belgische Dirigent und Schrifsteller Jan Caeyers hat eine Standard-Biografie über das Klassikgenie verfasst, die zum 250. Geburtstag am 17. Dezember neu erschienen ist.

Der Beethoven-Biograf und Dirigent Jan Cayers © Borggreve
 

Herr Caeyers, könnten Sie erklären, warum uns Beethovens Musik nach 200 Jahren immer noch so direkt anspricht?
JAN CAEYERS: Meiner Meinung nach hat das damit zu tun, dass die Musik Beethovens zwei Parameter miteinander verbindet, die einander normalerweise ausschließen. Also das ist Musik, die auf der einen Seite viel Emotion in sich hat, aber egal, wie extrem diese Emotionen auch sind – die musikalische Konstruktion bleibt intakt. Die Kompositionen sind hochrangige intellektuelle Leistungen, aber sie klingen nicht intellektuell. Man kann ein Stück Beethoven stundenlang analysieren, da ist fast jeder Ton miteinander verbunden, aber diese Konstruktion zerstört das Emotionale überhaupt nicht. Die Klaviersonate „Appassionata“ ist wahnsinnig schöne Musik, auch wenn man ihre Konstruktion nicht begreift. Diese Kombination ist einzigartig.

Was hat Sie während der Arbeit an Ihrer Beethoven-Biografie am meisten überrascht?
Mehrere Dinge: Das Auffälligste ist das Talent von Beethoven. Wir können uns heute kaum vorstellen, wozu er in der Lage war. Er hatte eine irrsinnig große Fantasie. Und das Vermögen, diese Fantasie in eine emotional und intellektuelle hochrangige Konstruktion zu übertragen. Ehrlich gesagt habe ich mich während der Arbeit am Buch manchmal geschämt, dass ich es wage, über diesen außergewöhnlichen Menschen etwas zu sagen. Er befindet auf einer Ebene, dass es für Normalsterbliche kaum zu fassen ist, wozu er in der Lage war und wie groß sein Talent war.

Und die anderen Punkte?
Sein Wille, Außergewöhnliches zu leisten, war enorm. Er hatte einen ungeheuren Trieb, das Beste aus sich herauszuholen. Jeder kann im Leben versuchen, Außergewöhnliches zu leisten, aber bei Beethoven ist das ins Extrem getrieben. Er hat in einer Übergangszeit gelebt, als es möglich schien, dass jedes Individuum etwas aus sich machen kann. Das gab es davor, im sozialen Gefüge des 18. Jahrhundert noch nicht. Es gibt einige Gemeinsamkeiten mit Napoleon. Sagen wir so: Beethoven hat etwas Napoleonisches und Napoleon hat etwas Beethovianisches. Es sind beides Leute aus einfacher Herkunft, die bewiesen haben, dass jeder Mensch in der Lage ist, Großes zu leisten.

Sie schreiben, dass es davor für einen Musiker undenkbar gewesen wäre, seine Werke immer wieder neu zu bearbeiten, sie zu verbessern. Bei Beethoven wird Kunst zu etwas sehr Individuellem, sie erhält Bekenntnischarakter. Beethoven stünde also für einen  Paradigmenwechsel im Verhältnis zwischen Kunstschaffenden und Kunstwerk.
So ist es. Paradigmenwechsel ist das richtige Wort. Nehmen wir das zweite Klavierkonzert, von dem er vier Fassungen gemacht hat. Vielleicht hat er so hart daran gearbeitet, weil er unbewusst gespürt hat, dass diese Musik auch 200 Jahre später noch gespielt wird.

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung!
Kommentieren