3. LesetagBachmann-Preis: Vom Sitzen aufgepackten Koffern

Mit Dana Vowinckel las gestern eine klare Preiskandidatin. Nava Ebrahimi, in Graz lebende Iranerin, überzeugte die Jury nur teilweise.

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45. Tage der deutschsprachigen Literatur
Die Lesung von Nava Ebrahimi © (c) Puch Johannes (Puch Johannes)
 

Einhellige Zustimmung erntete gleich die erste Lesung am letzten Halbtag beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Eine jüdische Familiengeschichte erzählt Dana Vowinckel von den zwei Perspektiven des orthodoxen Vaters und der pubertierenden Tochter aus – „auf eine schöne Art, mit Wurzel- und Heimatlosigkeit umzugehen“, wie Michael Wiederstein findet. Seine Jury-Kollegen schließen sich dem an: Hier wird „der Topos der gepackten Koffer neu variiert“ (Mara Delius), „die Existenz von parallelen Welten, von einer neuen Generation erzählt“ (Insa Wilke) und Klaus Kastberger, der an erfolgreiche Streaming-Serien wie „Unorthodox“ erinnert, meint: „Ja, es gibt eine Sehnsucht nach alternativen Lebenswelten.“ Michael Wiederstein zieht sogar eine Parallele zu einem weiteren preiswürdigen Bachmann-Teilnehmer, dem ebenfalls aus Berlin kommenden Necati Öziri und seiner Geschichte vom abwesenden türkischen Vater.

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Bachmann-Preis: Die Preisträger seit 2000

Der Bachmannpreis 2021 ging an die in Teheran geborene und in Graz lebende Autorin Nava Ebrahimi für ihren Text "Der Cousin".

APA/ORF/JOHANNES PUCH

Die Deutsche Helga Schubert gewann 2020 die coronabedingte digitale Ausgabe des Bachmann-Preises - sie war da 80 Jahre alt. Die Autorin war zuvor bereits als Jurorin beim Wettlesen mit dabei. Ein Interview mit ihr lesen Sie hier.

ORF

Der Bachmann-Preis 2019 geht an die Salzburgerin Birgit Birnbacher. Die Soziologin erzählte in ihrem Text von einer im Prekariat lebenden Sozialforscherin.

Weichselbraun

Der Bachmannpreis 2018 ging an die in Wien lebende Ukrainerin Tanja Maljartschuk (geboren 1983) für ihren Text "Frösche im Meer".

(c) ORF (Puch Johannes)

Der bislang letzte österreichische Sieger: Ferinand Schmalz gewann den Bachmann-Preis 2017 für seinen Text "mein lieblingstier heißt winter"

(c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)

Sharon Dodua Otoo (* 1972 in London) ist eine britische Schriftstellerin, Publizistin und Aktivistin. Im Jahr 2016 wurde sie mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.

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Nora-Eugenie Gomringer (* 26. Januar 1980 in Neunkirchen/Saar) ist eine schweizerisch-deutsche Lyrikerin, Rezitatorin und Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2015 für den Text "Recherche". Sie lebt in Bamberg, wo sie seit 2010 das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Direktorin leitet.

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Tex Rubinowitz (* 5. Dezember 1961 in Hannover; eigentlich Dirk Wesenberg) gewann den Bachmann-Preis 2014 mit dem Text "Wir waren niemals hier". Der Deutsche ist Zeichner, Maler, Cartoonist, Reisejournalist und Schriftsteller. Er lebt seit 1984 in Wien.

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Katja Petrowskaja (geboren 3. Februar 1970 in Kiew, Ukrainische SSR) ist eine ukrainisch-deutsche Literaturwissenschaftlerin, Schriftstellerin und Journalistin. Im Jahr 2013 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis mit dem Text "Vielleicht Esther". Sie lebt in Berlin.

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Bachmannpreis 2012: Olga Martynova (* 26. Februar 1962 in Dudinka, Region Krasnojarsk, Russische SFSR, Sowjetunion) ist eine russische Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin. 

(c) dapd (Gert Eggenberger)

Maja Haderlap (* 8. März 1961 in Bad Eisenkappel/Železna Kapla, Kärnten) ist eine österreichische Schriftstellerin. Im Jahr 2011 gewann die Kärntner Slowenin den Ingeborg-Bachmann-Preis mit ihrem Text "Im Kessel".

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Peter Wawerzinek (Geburtsname Peter Runkel, * 28. September 1954 in Rostock) wurde 2010 für "Rabenliebe" mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet. Es war bereits das zweite Mal, das er am Wettlesen teilnahm.

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Bachmannpreis 2009 für den Text "Bis dass der Tod": Jens Petersen (* 20. März 1976 in Pinneberg) ist ein deutscher Schriftsteller und Arzt.

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Tilman Rammstedt (* 2. Mai 1975 in Bielefeld) ist ein deutscher Schriftsteller und Musiker. 2008 erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Preis für seinen Text "Der Kaiser von China". 

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Bachmann-Preis 2007: Lutz Seiler (* 8. Juni 1963 in Gera) trat zunächst vor allem als Lyriker hervor. Für seinen Debütroman Kruso wurde er 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

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Kathrin Passig (* 4. Juni 1970 in Deggendorf) ist Journalistin und Schriftstellerin. Im Jahr 2006 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis mit dem extra für den Bewerb geschriebenen Text "Sie befinden sich hier". 

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Thomas Lang (* 19. März 1967 in Nümbrecht, NRW) ist ein deutscher Schriftsteller. Lang studierte Literaturwissenschaft in Frankfurt am Main und schloss als M. A. ab. Er lebt als freier Autor seit 1997 in München. Den Bachmann-Preis bekam er 2005 für "Am Seil".

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Uwe Tellkamp (* 28. Oktober 1968 in Dresden) wurde 2004 mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet (für einen Auszug aus dem Roman "Der Schlaf in den Uhren"). Sein bekanntester Roman "Der Turm", der 2008 bei Suhrkamp erschien, handelt von den letzten sieben Jahren der DDR bis zur Wende aus Sicht des Bildungsbürgertums in einem Villenviertel Dresdens.

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Inka Parei (* 5. Februar 1967 in Frankfurt am Main) bekam 2003 den Bachmann-Preis für einen Auszug aus dem Roman "Was Dunkelheit war". Sie lebt in Berlin.

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Peter Glaser (* 30. Juni 1957 in Graz) ist ein österreichischer Schriftsteller und Journalist. Er lebt und arbeitet in Berlin.Den Bachmann-Preis 2002 bekam er für den Text "Geschichte von Nichts".

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Michael Lentz (* 15. Mai 1964 in Düren) ist ein deutscher Schriftsteller, Lautpoet, Literaturwissenschaftler und Musiker. Er lebt in Berlin und Leipzig. Bachmann-Preis 2001 für den Text "Muttersterben".

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Der erste Bachmann-Preisträger des Jahrtausends: Georg Klein (* 29. März 1953 in Augsburg) gewann 2000 mit dem Text "Auszug aus einem langen Prosatext".

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Viel erzählt und wenig experimentiert wurde in der diesjährigen Ausgabe des Klagenfurter Wettlesens, das durch die diskussionsfreudige Kritikerriege kurzweilig wie schon lange nicht war. Teils ähnelten die Dispute Slapstick-Szenen, dann wieder hatten sie geradezu Werkstatt-Charakter, der allen, die schreiben, hilfreich sein könnte. „Was macht Literatur politisch, auch ohne dass Politik vorkommt?“ (Brigitte Schwens-Harrant) wurde dabei ebenso erörtert wie die Frage, ob es legitim ist, sprachliche Mittel zu benutzen, die wiederholen, was im Text kritisiert wird (Insa Wilke). Beides tauchte in der Diskussion zum Beitrag von Timon Karl Kaleyta auf, in dem „der kleine Gatsby in der Sprache der Sendung mit der Maus geschildert wird“ (Kastberger). Es gehe dabei um „Gewalt in einem naiven Kostüm“, wie Michael Wiederstein erläutert, der Kaleyta vorgeschlagen hat, um „ein verstörend heiteres Psychogramm von einem Wohlstandsverwahrlosten“.

Nicht nur die Inhalte, auch die Präsentationen waren heuer den Juroren einige Beurteilungen wert. Schon bei der Diskussion um Dana Vowinckels Text mahnt Klaus Kastberger alle zukünftigen Teilnehmer am Bewerb, sich an dem „grandios gelesenen Beitrag“ ein Beispiel zu nehme, nicht künstlich gedehnt und extra langsam zu lesen, sondern dem Rhythmus des Geschriebenen entsprechend. Einer der Höhepunkte an Vortragskunst war ja auch am Vortag der von ihm eingeladene Fritz Krenn mit seinem rasant-humorvollen Beitrag – übrigens ebenso ein Preiskandidat wie Verena Gotthardt, deren Lesung ebenfalls explizit gelobt wurde.

Bachmann-Preis: So waren die Anfänge

Bachmannpreis 1977: Die Juroren Alois Brandstetter, Gertrud Fussenegger, Joachim Kaiser und Hilde Spiel . . .

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. . . und die Juroren Rudolf Walter Leonhardt, Heinrich Vormweg, Otto F. Walter und Rolf Becker

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Die Jurorenrunde 1979

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Humbert Fink, Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki

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Josef Winkler nach der Bekanntgabe des Preises der Klagenfurter Jury 1979

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Legendäre Juroren: Gertrud Fussenegger, Hans Weigel, Manes Sperber und Friedrich Torberg

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Gert Jonke, Bachmann-Preisträger 1977

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Gründungsväter: Marcel Reich-Ranicki, Humbert Fink, Ernst Willner

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Publikum und Jury bei einer der Lesungen

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Neben der Präsentation scheint auch die Gestaltung des Vorstellungs-Videos immer stärkere Relevanz für den Gesamteindruck der Autoren zu erhalten. Manche sind authentisch wirkende Interviews, andere Mini-Performances oder stumme, assoziative Bilderfolgen, wieder andere aufwendige Collagen. So auch das Selbstporträt der aus dem Iran stammenden, mit ihrer Familie in Graz lebenden Nava Ebrahimi, die ihren Text „Der Cousin“ las.

Philipp Tingler findet den Text „so mittel“, Michael Wiederstein fragt sich, ob man die Gewalt in dieser „sehr gut gelesenen Geschichte“ überhaupt erzählen kann, und Klaus Kastberger, der die Autorin eingeladen hat, ergänzt: „Wie lassen sich Leid und Schmerz überhaupt darstellen?“

Dörfliche Enge, Rassismus und Naturbilder à la Stifter prägen den letzten Beitrag des Bewerbes. Nadine Schneiders „Quarz“ begeistert nicht nur Vea Kaiser: „Ich habe selten eine so schöne Schilderung des Dorflebens gelesen, grandios!“ „Hinreißend“ findet Philipp Tingler allerdings nur „eines der besten Videos“, den Text belegt er mit Alfred Polgars Diktum von „literarische Kost für Zahnlose“. Zahnlos zeigte sich die Jury heuer jedenfalls nicht. Die Kür der Preisträger wird spannend.

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