Mit Carmen fügt Beate Vollack nach Cinderella und Undine ihren Grazer Choreografien eine weitere berühmte Frauengestalt der Weltliteratur hinzu. Berühmt wurde die Figur der Carmen durch Georges Bizets gleichnamiger Oper, deren Handlung aus einer Novelle des Autors Prosper Mérimée stammt. Von ihm übernimmt Vollack den Erzählrahmen, der tödliche Konflikt vollzieht sich im Rückblick des Don José (männlich geläutert: Paulio Sóvári), der meist gleichzeitig mit seinem jüngeren Ich (verwundbar: Fabio Agnello) auf der Bühne steht und so seine beständige innere Beteiligung deutlich macht.

Lucie Horná interpretiert Carmen als eher nüchterne, selbstbewusste und sehr zärtliche Frau. Sie provoziert den unerfahrenen José, gibt sich dieser Liebe innig und leicht hin, bis sie einem neuen Gefühl – und dem Torero (Philipp Imbach) folgt. Die Gleichstellung der Carmen mit dem Stier ist nicht neu, aber Vollack gibt dem Stier eine eigene Rolle und dramaturgische Funktion, die Kirsty Clarke mit großartiger Präsenz und Präzision ausfüllt und zu Höhepunkten wie dem Tod des Stiers als sanftem Pas de deux steigert.

Aus Bizets Oper übernimmt Beate Vollack einige Szenen, hat aber die Musik zum Ballett zusammen mit der Dirigentin Claire Levacher aus Kompositionen von Bizet – vornehmlichdessen Suiten zu "Carmen" und "L’ Arlésienne" – zusammengestellt. Reizvoll werden beispielsweise auch Manuel de Fallas "Siete canciones populares españolas", vorgetragen von Anna Brull, in die Schmugglerszene und die Habanera von Bizets Zeitgenossen Emmanuel Chabrier integriert.