In Ihrem neuen Roman „Blutmond“ taucht Polizeiermittler Harry Hole unter, um sich zu Tode zu saufen. Was ist mit Ihrem Helden beziehungsweise Anti-Helden passiert seit dem letzten Roman?
Jo NESBØ: Harrys Leben liegt in Ruinen, er musste weg aus Norwegen und würfelte, wohin er ziehen sollte. Die Würfel fielen auf Los Angeles. Dort wollte er trinkend sterben. Das wäre das logische Ende seines Lebens gewesen. Doch Harry trägt zwar eine Todessehnsucht in sich, aber auch einen großen Überlebensinstinkt.

Harry blickt in den Lauf einer Pistole und weiß, dass er in den nächsten Sekunden sterben wird. Aber in dem Moment entscheidet er sich weiterzuleben.
Es macht natürlich auch evolutionär gesehen Sinn, dass im Moment großer Gefahr unser Überlebensinstinkt aktiviert wird. Ich bin viel unter Bergsteigern. Ich klettere auch selbst, aber nicht so extreme Touren. Ich habe diese Extrem-Bergsteiger gefragt: Warum macht ihr das? Sie geben dann immer ausweichende Antworten. Sie wollen der Natur nahe sein, meinen sie. Aber man muss nicht auf 8000er-Berge klettern, um der Natur nahe zu sein, oder? Deshalb glaube ich, der wahre Grund ist, dass sie die Todesnähe suchen, um das Leben intensiver zu empfinden. Ich muss gestehen, dass ich diese Sehnsucht selbst oft verspüre.

In Ihren Büchern geht es oft um Serienmörder. Was ist so faszinierend an ihnen?
Zu vielen Verbrechen oder Verbrechern können wir eine Art Beziehung aufbauen, sogar so etwas wie Verständnis aufbringen. Beim Serienmörder ist es so, dass wir hoffen, dass dem nicht so ist. In norwegischen Zeitungen gibt es oft Artikel oder Fragebögen mit dem Titel: Wie können Sie erkennen, dass Ihr Chef ein Psychopath ist? Und ich glaube, dass die Menschen, die diese Fragebögen ausfüllen, nicht herausfinden wollen, ob ihr Boss ein Psychopath ist, sondern ob nicht selbst ein Psychopath in ihnen steckt. Ich selbst fülle diese Fragebögen übrigens auch aus.

Das Ergebnis?
Ich habe nie genügend Punkte gehabt, um mich als Psychopath einstufen zu müssen. Zu den Serienmördern: Man befindet sich als Leserin und als Leser in einem „safe room“, einem sicheren Raum, und liest über gefährliche Menschen, das macht vermutlich einen großen Teil des Reizes aus. Als Werkzeug in einem Kriminalroman ist der Serienmörder deshalb so gut zu gebrauchen, weil man nicht langatmig die Motive für die Verbrechen angeben muss, denn das Motiv eines Serienmörders ist meist: Ich mache es, weil es mir Spaß macht, Menschen zu töten. Das bedeutet, dass ich mich als Autor auf die anderen Charaktere konzentrieren kann. Der Killer ist nur der Hai. Aber meine Bücher drehen sich meist nicht um den Hai; es geht um jene Menschen, die den Hai jagen.

Früher wurden Krimis als „Trash“, also Mist, gehandelt, heute spricht man von Kriminalliteratur. Was sind die Gründe für diesen Imagewandel?
Nun, in diesem Genre gibt es noch immer furchtbaren Mist. Auf der anderen Seite: Dadurch, dass dieser Bereich inzwischen so groß ist, ist auch die Chance, dass gute Storys, gute Bücher darunter sind, größer geworden.

Sie sind auch Musiker, spielen in einer Band. Was sind die Gemeinsamkeiten zwischen einem guten Song und einer guten Story?
Die besten Songs kommen schon komplett fertig in deinen Kopf. Das ist bei Geschichten, zumindest bei mir, eher selten. Nur bei zwei Romanen war es der Fall, dass die Geschichte schon fertig war und ich sie nur noch niederschreiben musste. Aber das Schreiben von Songs war für mich eine exzellente Schreibschule.

Wie viel Jo Nesbø steckt in Harry Hole? Ist er Ihre Nemesis, die Verkörperung Ihrer dunklen Seiten?
Harry ist nicht mein Alter Ego, das auf keinen Fall. Aber es ist unmöglich, so lange über eine Figur zu schreiben, ohne sich selbst auch anzuzapfen für diesen fiktiven Charakter. Ich habe es also aufgegeben zu behaupten, dass Jo Nesbø und Harry Hole nichts miteinander zu tun haben. Ich teile mit Harry so einiges: Wertehaltungen, eine bestimmte Art von Humor, denselben Musikgeschmack. Ich trinke allerdings nicht so viel wie Harry.

Die nordischen Ermittler sind oft Alkoholiker, depressiv, geschieden; im Süden wird viel gegessen und die Kommissare erfreuen sich meist des Lebens. Hat jedes Land seine eigene Krimi-DNA?
In meinem Fall ist es so, dass ich einen Fuß in der amerikanischen Hard-Boiled-Crime-Literatur habe, was damit zu tun haben könnte, dass mein Vater in Brooklyn aufgewachsen ist. Andererseits bin ich beeinflusst durch das schwedische Autorenduo Maj Sjöwall und Per Wahlöö, die beiden waren in den 70er-Jahren Pioniere des sozialkritischen Kriminalromans. Natürlich sind wir als Schriftsteller von unserem sozialen Umfeld beeinflusst. Ein deutscher Kritiker hat einmal vom „nordischen Licht“ in meinen Romanen gesprochen, und ich hatte keine Ahnung, was er damit meint. Das heißt, dieses möglicherweise länderspezifische Schreiben wird eher von außen wahrgenommen.

Als Ihr Roman „Der Leopard“ 2009 erschienen ist, haben Ihnen Kritiker Gewaltverherrlichung vorgeworfen. Wie reagieren Sie darauf?
Die Kritik damals war gerechtfertigt. Insofern, dass in diesem Buch Gewaltszenen vorkamen, die nicht notwendig gewesen wären. Es war wie ein zu langes Gitarrensolo. Das Solo hat dem Song nicht gedient, nur dem Gitarristen und seinem aufgeblasenen Ego.

Die Beatles haben 13 Alben aufgenommen, dann war Schluss. „Blutmond“ ist der 13. Harry-Hole-Roman. Wie lange wird er noch durchhalten?
Es gibt einen Exit-Plan, der Kerl wird nicht ewig weitermachen. Wie und wann Harry ins Finish geht, kann ich Ihnen aber nicht verraten, das wäre ja in diesem Genre ein Kapitalverbrechen.

Buchtipp: Blutmond. Ullstein, 544 Seiten, 26,80 Euro.

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