Hans Magnus Enzensberger war kein Mann der leisen Töne. Pointiert und gerne auch unbequem oder gar spöttisch meldete er sich zu Wort. Ein Lyriker, Intellektueller und politischer Denker, der neben Günter Grass, Martin Walser und Heinrich Böll zu den prägenden Autoren der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur zählte. Vorgestern ist der Mahner mit dem wachen Geist, den Kollege Fritz J. Raddatz einmal einen „Bruder Lustig“ mit einer „gutgelaunten Kälte“ genannt hatte, 93-jährig in München gestorben.


Enzensberger, 1929 in Kaufbeuren im Allgäu geboren, betrieb nach dem Ende des 2. Weltkrieges Schwarzhandel, dolmetschte für die amerikanischen und britischen Besatzer und machte schließlich 1949 Matura in Nördlingen.

Von seiner Heimat war er desillusioniert. Das viergeteilte Deutschland empfand er als „moralische Wüste“. Es sei „kein vielversprechender Beruf, Deutscher zu sein“. Und in seiner „Verteidigung eines Agnostikers“ notierte er: „Ich wollte lieber schreiben“.

Obwohl er sich nirgendwo ganz zugehörig fühlte, mischte der einstige „junge Wilde“ dennoch mit, im legendären Literaturclub „Gruppe 47“ oder bei den rebellischen 1968ern. Über seine Zeit in der damaligen Außerparlamentarischen Opposition gegen die Große Koalition in Bonn in den 60ern gibt auch eines seiner Erinnerungsbücher mit dem vielsagenden Titel „Tumult“ Auskunft.

Enzensberger schrieb und schrieb, Romane, Essays, Anekdoten, Erinnerungen und Dramen, etwa „Untergang der Titanic“, 1980 von George Tabori inszeniert. Kindern wollte er mit „Der Zahlenteufel“ die Mathematik näher bringen. Und den Jugendlichen widmete er Bücher wie „Immer das Geld: Ein kleiner Wirtschaftsroman“ oder – just er als brillanter Lyriker – unter dem Pseudonym Andreas Thalmayr das augenzwinkernde Buch „Lyrik nervt“.

Enzensberger wurde bis ins hohe Alter nicht müde. Zu seinem 90er schenkte er sich (und uns) das Buch „Fallobst“, um sich weiter über Gott und die Welt Gedanken zu machen. Etwa über „Die Kunst des Schwurbelns“: „Im Kunstbetrieb, im Journalismus und in der Kulturpolitik gehört das Schwafeln zu den gefragtesten Talenten.“

Über den Lebensabend macht sich Enzensberger in diesem Werk auch Gedanken. „Jetzt gleiche ich einem Autoreifen, aus dem langsam die Luft entweicht“, notiert er lakonisch und sprach gleichzeitig von der „Kunst, sich langsam und möglichst unauffällig vom Leben zu verabschieden“.

Buchtipp: Hans Magnus Enzensberger. Fallobst. Nur ein Notizbuch. Suhrkamp, 367 Seiten, 15,95 Euro