Eine Parallelaktion, ideal passend zur Zeit, in der vieles nicht mehr richtig tickt. In den Kinos ist die Dokumentation "Die Sprache von der Leine lassen" zu sehen, ein Credo seit Jahrzehnten schon, das Elfriede Jelinek auch in ihrem neuen Buch furios in die Tat umsetzt. Der Titel "Angabe der Person" klingt nach Behördendeutsch, exakt diese Anspielung auf das Formulardeutsch im Land der Ärmelschoner hatte die Autorin im Sinn.

Wer nun tatsächlich eine Lebensbilanz der Literaturnobelpreisträgerin erwartet, ist auf der falschen Fährte. Elfriede Jelinek rechnet ab, wieder einmal, und unter dem Schlussstrich sind erneut nur Nullen zu finden.
Den Ausgangspunkt bildet ein schikanöser und demütigender Vorfall vor rund zehn Jahren. Damals stürmten Steuerfahnder in das Haus der Schriftstellerin; sie verwandelten die Räumlichkeiten in Baustellen, kopierten Festplatten und packten mehr als zehn große Kartons voll mit einer Unzahl von Texten zu geplanten, aber verschobenen Projekten, mit Notizbüchern, vor allem aber mit sehr persönlichen und privaten Korrespondenzen.

Das Verfahren, das eher schon einer Treibjagd glich, wurde ergebnislos eingestellt. Zurückblieb jedoch eine seelisch zutiefst verletzte Künstlerin, ausgestattet mit der Gewissheit, dass sich irgendwelche unbedarften Staatsdiener genüsslich der Lektüre ihrer intimsten E-Mails widmeten, womöglich mit viel Gelächter.

Was lange gärt, wird endlich Wut. Denn "Angabe der Person" ist keineswegs nur Jelineks Antwort auf behördliche Willkür, es ist, in der typischen Sprachgewalt der öffentlichkeitsscheuen Dichterin, ein Rundumschlag. Über das Geld, das die Welt regiert, über Heucheleien, Milliarden-Betrügereien, Steueroasen, Ex-Politiker, die stattliche Sümmchen in Plastiksäckchen mit sich tragen, den Wirecard-Skandal, bei dem, höchst erstaunlich, gigantische Geldbeträge spurlos verschwinden können.

Dies ist nur ein Aspekt des Buches, das deutliche Querbezüge zum Theaterstück "Die Kontrakte des Kaufmanns" erkennen lässt. Ein immer wieder ergänzter Brocken, der wohl für immer unvollendet bleiben wird, mit grandios zynischen Passagen über die Arbeit des armen Geldes, das keineswegs in irgendwelchen Tresoren der Nullsteuer-Oasen schlummern darf, sondern unentwegt arbeiten muss.

Reale Gespenster

Denn erstmals seit ihrem Internet-Roman „Neid“ liefert Elfriede Jelinek in sehr persönlichem Ton Einblicke in ihre an jüdischen Angehörigen reiche Familie. Eine Tante wurde in Dachau ermordet, ein Cousin entging nur ganz knapp der Deportation, er konnte ins Ausland fliehen, ein Onkel überlebte das KZ, nahm sich aber ein paar Jahre später das Leben. Grund genug, auch die realen Gespenster aus der NS-Zeit zurück ans Tageslicht zu holen, allen voran Arthur Seyß-Inquart und Baldur von Schirach.

Es ist ein Wortorkan, den Jelinek in Monologform vom Stapel lässt, er streift auch den derzeit einsitzenden Boris Becker, er zieht so nebenher und beiläufig den Bossen des FC Bayern die Lederhosen aus, er fegt den in den Frühzeiten der Coronapandemie so geldgierigen Tirolern um die Ohren.

"Angabe der Person" ist eine rasante, rhythmische, an tiefschwarzem Humor, an Hohn und Selbstironie reiche Komposition, Suada und Lamento zugleich, gerichtet an die heimische Vollkasko-Mentalität. Eine Bühnenversion dieses Rundumschlags mit der Satzkeule wird es im Dezember am Deutschen Theater in Berlin geben. Vorerst gilt: Dieses Buch bringt beträchtlichen geistigen Reingewinn mit sich. Und der ist legal und sogar steuerfrei.

Buchtipp: Elfriede Jelinek. Angabe der Person.
Rowohlt, 192 Seiten, 25,50 Euro. 

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