Der Weg dorthin war lange und hart, doch Isidor hat es geschafft: Von einem galizischen Schtetl zog er nach Wien, von einem armen Kind arbeitete er sich zum Multimillionär hoch. Nun ist er Kommerzialrat, liebt die Oper und sammelt Kunst. Jetzt, wo er all das erreicht hat und er sich alles kaufen kann, was er nur möchte, meint er, dass ihm, eben auch wegen seines Geldes, niemand mehr etwas anhaben kann. Doch dann kommen die Nationalsozialisten an die Macht. Und Isidor? Heißt eigentlich Israel und ist ein Jude.

"Isidor – Ein jüdisches Leben" von Shelly Kupferberg ist nicht irgendeine Erzählung. Es ist die Beschreibung des Lebens ihres eigenen Urgroßonkels: Das Buch gibt auf tragische Weise einen Einblick in die Geschichte und in das Leben eines Einzelnen, das aber das Schicksal vieler wiedergibt. So unendlich viele Menschen fielen dem Naziregime zum Opfer und Kupferberg gibt in ihrem Debüt zumindest diesem einen Mann eine Stimme. Sie lässt ihn erneut leben und zeigt, was wenige Monate anrichten konnten, um aus einem Dandy eine Elendsfigur, aus einem erfolgreichen Lebemann einen gebrochenen Mann zu machen. Auch die Personen, die in seinem Leben eine Rolle spielten, finden Erwähnung und so erfährt man, welche Schikanen, welche menschenunwürdigen Dinge sie alle erleben mussten.

Viele Leben wurden über die Jahre und Jahrzehnte vergessen. Die Autorin aber hat sich mit intensiven Recherchen darum bemüht, zumindest ein paar dieser ins Bewusstsein der Menschen zu holen. Und die zentrale Figur ist immer Isidor, der Mittelpunkt einer faszinierenden jüdischen Familie, dessen rasanter Aufstieg und brutaler Sturz, von dem er sich nie mehr erholen konnte. Und was blieb, ist ein Mensch, von dem eigentlich nichts übrig geblieben ist.

Buchtipp: Shelly Kupferberg. Isidor – Ein jüdisches Leben. Diogenes,
256 Seiten, 24.70 Euro.

© Diogenes