Es ist Ende April,

ich bin gerade

dreiunddreißig

geworden

dritte Phase der Jugend

das habe ich irgendwo gelesen.

 

So lesen sich Sätze von Tine Høeg. Oft sind es nur noch Fragmente, wenige Wort, dann nur noch eins. Punkt. Und aus. Zwischen den gedruckten Worten viel Leerraum, doch bei der dänischen Schriftstellerin ist auch das Nichtgesagte vielsagend – und die Leerräume werden bewohnt von Gedanken und Reflexionen, die viel Luft zum Atmen lassen. Solcherart entsteht ein faszinierender Pakt, eine emanzipatorische Allianz: Die Schreibende ist nicht allwissend, steht auf wankendem Boden und sucht immer wieder – unausgesprochen – Rat beim Lesenden. Und was meinst du?

Mit diesem äußerst fahrtüchtigen und wendigen Vehikel der außergewöhnlichen literarischen Form transportiert die 37 Jahre alte Literatin die zunehmend soghafte Geschichte von Asta, die sich mit ihrem zweiten Buch – es soll ein Roman über den polnischen Porträtkünstler Lysander Milo werden – ebenso abmüht wie mit ihren Beziehungstollpatschereien.

In „Tour De Chambre“ betritt Asta auf verschiedenen Zeitebenen die Zimmer ihres bisherigen Lebens, als Leitmotiv durchzieht eine bevorstehende Gedenkfeier die Handlung. Früher lebte Asta in einer Studentenwohngemeinschaft, bis es dort zu einem Todesfall kam. Jetzt sollen die ehemaligen Bewohner zusammenkommen, um sich wieder zu erinnern. Folgender Spruch hing übrigens in dieser Studentenbude: „mehr amour, weniger merde“.

Tine Høeg porträtiert eine fragile Generation, die sich an analogen Freundschaften klammert und gleichzeitig die „amour“ im digitalen Dickicht sucht. Es geht um Sehnsüchte und Zweifel, um Partys und Poesie, aber auch darum, wie man schreibend die Welt erfassen und „begreifen“ kann - und ob das überhaupt noch möglich ist.

„Tour De Chambre“ ist wie das Leben selbst, auch das kommt selten in wohlformulierten Sätzen daher, sondern in Fragmenten, Bruchstücken und Leerräumen. „Speichelfluss, aber im Gehirn.“ So heißt es an einer Stelle. Eine wunderbare Beschreibung für ein außergewöhnliches Buch: mutig im Formalen, luftig lebensnah im Inhaltlichen.

Buchtipp: Tine Høeg. Tour De Chambre. Aus dem Dänischen von Gerd Weinreich. Droschl, 298 Seiten, 25 Euro. 

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