Emmeline Pankhurst, eine britische Suffragette, durfte 1911 ihren Vortrag nicht auf dem Gelände der Harvarduniversität halten, weil sie eine Frau war. Doch pilgerten viele (männliche) Harvardstudenten nach Brattle Hall, wenige Meter vom Campus entfernt, um Pankhurst zu hören. Unter ihnen war auch William Moulton Marston, der fasziniert war und sich von dieser Begegnung auch für die ihm geschaffene Superheldin inspirieren ließ: Wonder Woman.
Die US-Historikerin Jill Lepore erzählt diese Geschichte in dem gerade bei C. H. Beck auf Deutsch verlegten Buch „Die geheime Geschichte von Wonder Woman“. Die Geschichten dieser Superheldin erschienen erstmals am 21. Oktober 1941 und waren stark vom Leben ihres Erfinders Marston beeinflusst: „Die Frauen, die Marston liebte, waren Suffragetten, Feministinnen und Befürworterinnen von Verhütungsmitteln“, schreibt Lepore. Marston, der Psychologe wurde, heiratete die Psychologin und Feministin Sadie Holloway und lebte gemeinsam mit ihr und seiner Kollegin Olive Byrne in einer Dreiecksbeziehung unter einem Dach. Die Amazonenprinzessin Diana, die von ihrer einsamen und männerlosen Insel nach Amerika gelangte, schuf Marston mit seiner Frau Sadie gemeinsam.
„Wonder Woman ist ein unglaublich starker Frauencharakter, der alle anderen Superheldinnen überstrahlt“, sagt Steffen Volkmer von Panini, dem deutschen Verlag der Superheldin. Während Figuren wie Supergirl erfunden wurden, um eine weibliche Leserschaft zu erreichen, galt das für die Amazone nicht: „Sie konnte neben Superman bestehen.“ Außerdem brachte Marston seine persönliche Vorliebe für sexuelle Bondage-Techniken in die Geschichten von Wonder Woman ein, „deren einzige Schwäche darin bestand, dass sie all ihre Kraft verliert, wenn ein Mann sie in Ketten legt“, schreibt Jill Lepore. Doch sie kann sich immer wieder befreien. „Wonder Woman ist komplett selbstbestimmt, die lässt sich nichts diktieren“, sagt Volkmer.