Als Roland Weißmann 1968 geboren wurde, hatte der ORF zwei Fernsehkanäle, wobei FS2 erst ab 1970 täglich sendete. Fernsehen war in Österreich angekommen, was nicht hieß, dass in jedem Haushalt eine damals noch flimmernde Kiste stand: 193.000 Fernsehbewilligungen waren es 1960, 1,4 Millionen 1970. Bis 1980 stieg die Zahl auf 2,2 Millionen.

Als Otto Oberhammer Generalintendant war, besuchte Weißmann die Volksschule. Während sich Gerd Bacher mit Thaddäus Podgorski an der Spitze des Noch-Monopolisten abwechselte, wurde der Linzer erwachsen. Im Jahr 1995 – Gerhard Zeiler brachte mittlerweile einen frischen Wind auf den Küniglberg – trat Weißmann nach Volontariaten bei Tageszeitungen seinen Dienst bei ORF Niederösterreich an.

Das Landesstudio im ÖVP-Bundesland sollte seine ORF-Heimat werden und ihn zu Richard Grasl führen. An der Seite des machtbewussten Medienmanagers stieg Weißmann auf, 2010 holte ihn sein damaliger Chef als Büroleiter in die ORF-Finanzdirektion nach Wien. Dort ging es die Karriereleiter auch noch bergauf, als jene von Grasl 2016 mit der verlorenen ORF-Wahl einbrach: Zuerst wurde Weißmann Chefproducer, später Vize-Finanzdirektor. Seit 1. Jänner ist Roland Weißmann der wichtigste Medienmanager des Landes: ORF-Generaldirektor.

Was das bedeutet, weiß sein Vorgänger Alexander Wrabetz. Dieser wusste auch um die politische Bedingtheit der Möglichkeitsräume eines Generaldirektors: Den Ballhausplatz und den Küniglberg verbindet zuweilen eine Schicksalsbeziehung. Der Niedergang der FPÖ nach der Ibiza-Affäre verhinderte die geplante Marginalisierung des ORF. Zwei Jahre später das umgekehrte Spiel: Wäre Sebastian Kurz nicht im Oktober, sondern schon Anfang August als Bundeskanzler zurückgetreten, wären die Karten im Stellvertretergremium Stiftungsrat zwischen Wrabetz und Weißmann womöglich neu gemischt worden. So erlebte die ORF-Führung nach 15 Jahren eine umfassende Verjüngung.

Wrabetz führte den ORF ins digitale Zeitalter, im Plattform-Zeitalter ist das Unternehmen unter ihm nicht angekommen. Zwar gibt es mit der TVthek ein freies Angebot, das monatlich zwölf Millionen Zugriffe (2020) aufweist, benutzerfreundlich und zeitgemäß ist es nicht. Dass aufwendig produzierte Inhalte, die mit Gebührengeldern finanziert wurden, nur sieben Tage abrufbar sind, ist das plakativste Beispiel dieses in die Jahre gekommenen Services.

Weil mit konstruktiver Medienpolitik kaum Wählerstimmen zu gewinnen sind und keine Parteiklientel zu bedienen ist, bleiben die notwendige Gesetzesnovelle und damit der ORF seit Jahren in der Warteschleife. Ein Blick nach Deutschland zeigt: Zwar finden sich auch ARD und ZDF unter steigendem Rechtfertigungsdruck. Im Vergleich zum ORF sind die Entfaltungsmöglichkeiten der Schwesternsender im digitalen Raum jedoch zeitgemäß.

Ob er es will oder nicht: Wie erfolgreich Weißmanns erste Funktionsperiode sein wird, hängt zentral davon ab, wie viel Bewegungsspielraum die Politik dem ORF gönnt. Weißmann rief schon vorsorglich ein „Jahr der Veränderung“ aus, wie es in einer E-Mail an alle Mitarbeiter hieß. 2022 solle unter anderem mit einer neuen „Social-Media-Strategie“ im Zeichen der jungen Zielgruppen stehen, klärte er darin auf. Dazu werden im ersten Halbjahr zwei Module des ORF-Players präsentiert werden: „Sound“ vereint die Audioangebote, das „Sport“-Modul bietet Randsportarten eine neue Plattform. Den Landesstudios verspricht er mehr Autonomie, die Unternehmenskultur will er mit einer neuen Stabsstelle verbessern. Höhepunkt seines ersten Jahres wird die Eröffnung des 303 Millionen Euro teuren ORF-Campus.

Weißmann kennt als Manager die ORF-Finanzen und den digitalen Reformbedarf so gut wie wenige andere. Ob er auch ein mutiger, innovativer Generaldirektor ist, wird sich 2023 und 2024 zeigen. 2022 ist das Jahr, in dem er beweisen muss, dass er einen unabhängigen ORF sichern kann und nicht am Gängelband jener hängt, die ihm diesen Karriereschritt ermöglich haben.