KolumneDirk Stermann: Kunst und Massenware

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Dirk Stermann
Dirk Stermann © (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
 

Man hat ja auch Bilder an den Wänden hängen, um bei den eigenen Kindern einen Sinn für Kunst zu entwickeln. Wenn aber der Kleine dann einen echten Arnulf Rainer übermalt, fällt es schwer, ihm zu seiner Kunst zu gratulieren. „Du hast jetzt das wertvolle Bild übermalt“, würde man sagen. „Ja, das hab ich gut gemacht. Ich hab das übermalte Bild übermalt“, würde das Kind stolz sagen. „Ja, aber jetzt ist das Bild zerstört!“ „Hä?“, würde das Kind dann verwirrt rufen. „Es war ja schon übermalt!“ „Aber von Arnulf Rainer! Nicht von einem Kind!“ „Kunst ist komisch“, würde das Kind dann sagen und vielleicht hätte es damit recht.

Als die Putzfrau der Düsseldorfer Kunstakademie den Fettfleck von Joseph Beuys wegwischte, hatte sie auch keine bösen Absichten, sondern, ganz im Gegenteil, die allerbesten, aus ihrer Sicht professionellsten.  Sie konnte nicht ahnen, dass die Wand durch den Fleck des Meisters in die Kunstgeschichte eingegangen war und ihre Putzaktion nur als Anekdote. Alles ist Kunst, aber eben nicht von jedem. Meine Großeltern hatten „Beuys“ als Hauptwort benutzt, als Synonym für etwas, das Quatsch ist. Sie hatten Kaufhaus-Massenware-Gemälde in ihrer Wohnung hängen. Irgendwelche Raubkopien von Rembrandt oder ein Sonnenuntergang in Capri. Das war schön. Man erkannte alles, es wirkte kostbar und war günstig gewesen. So sollte Kunst sein, fanden meine Großeltern. Sie hatten in der Schule nie Kunstunterricht gehabt, sie waren nie bei Vernissagen oder Ausstellungseröffnungen. Sie trafen sich nur zweimal die Woche mit den „Jägers“, ihren Nachbarn, die gleichen Bilder wie sie in ihrer Wohnung hatten.

Frau Jägers hatte ein Pferdegebiss und blutunterlaufene Glupschaugen, Herr Jägers eine Glatze und günstige dritte Zähne, die klapperten und immer leicht verrutschten. Als Kind saß ich manchmal mit ihnen unter Omas „Mann mit dem Goldhelm“ und sah aufs Sofa zu den Jägers, die unter dem Sonnenuntergang saßen und sich den dünnen Filterkaffee meiner Großmutter schmecken ließen.

„Das ist auch so ein Beuys“, sagten sie, wenn in der Stadt ein modernes Haus gebaut wurde oder die Nachbarn im Fenster ausgefallene Kunst hängen hatten. „Komplett verbeuyst“, sagte meine Oma. „Wie man dafür Geld ausgeben kann!“ Frau Jägers biss sich die Haflingerzähne ins Fleisch und nickte. Beim Kaffeetrinken schlabberte sie immer, weil die gewaltigen Zähne ein komplettes Schließen des Mundes verhinderten. Ich stellte mir immer vor, dass ich ihre Zähne zurückbiegen lassen würde, wenn ich einmal viel Geld verdienen sollte. Von einem Hufschmied oder einem Spengler. Herrn Jäger würde ich tolle neue Dritte schenken, mit Haftcreme.

Sie starben, bevor ich mit verbeuystem Humor zu Geld kam. Sie starben mit ihren Dentalproblemen. Ich kam zu spät. Ich kaufte mir von meinem Reichtum einen Arnulf Rainer. Einen übermalten. Der jetzt übermalt ist. Sieht jetzt aus wie ein Sonnenuntergang auf Capri.

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