Interview Hans Haacke: "Jede Kunst bewirkt etwas"

Einer der Plakatentwürfe des heurigen steirischen herbst ist von Hans Haacke. Ein Künstler, der seit Jahrzehnten für Kontroversen sorgt.

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HAACKE
Hans Haacke 2006 vor dem deutschen Reichstag © AP
 

In Graz sind Plakate der Serie „Wir alle sind das Volk“ im öffentlichen Raum angebracht worden. Warum ist es Ihnen wichtig, dass ihre Kunst nicht nur in Museen und Galerien zu sehen ist?
HANS HAACKE: Ende der 1960er Jahre habe ich Dinge, die sich bewegen oder wachsen, außerhalb der heiligen Hallen von Museen und Galerien gemacht. Aber vorher habe ich nur zweimal – bei der documenta 1997 und 2018 – Litfaßsäulen und andere Reklameflächen bespielt. Auch zeitgenössische Kunstinstitutionen wie der steirische herbst und andere haben gelegentlich Sachen im öffentlichen Raum installiert. Reiterstatuen und auch weniger herrschaftliche Skulpturen im Freien sind seit eh und je Teil der Kunstgeschichte. Das Bedürfnis, sich – aus unterschiedlichen Gründen – nicht nur an Eingeweihte zu wenden, ist nicht neu.

Das erwähnte herbst-Projekt war Teil der von Werner Fenz 1988 kuratieren Ausstellung „Bezugspunkte“ im Grazer Stadtraum. Ihre Arbeit „Und ihr habt doch gesiegt“ verhüllte die Marienstatue am Eisernen Tor mit einer Nazi-„Siegessäule“. Auf diese Arbeit wurde ein Brandanschlag verübt. Wie sehen Sie die Vorgänge heute?
Ich werde nie vergessen, wie ich in New York um 6 Uhr morgens einen Anruf aus Graz bekam, in dem mir vom Brandanschlag auf die von mir verkleidete „Siegessäule“ berichtet wurde. Antisemitismus hat, mit tödlichen Folgen, in verschiedenen Gegenden der Welt seither zugenommen – auch in den sogenannten Vereinigten Staaten. Es ist bizarr, dass es immer noch viele Menschen gibt, die meinen, sie seien reinrassisch. Völkerwanderungen sind nichts Neues.

Ihre Arbeiten sind politisch, oft analysieren sie Systeme und Institutionen. Macht man sich da im Lauf der Jahre nicht viele Feinde?
Jeder, der sich an der öffentlichen Diskussion über gesellschaftliche Konflikte beteiligt, ist Angriffen ausgesetzt. Der Kunstbetrieb ist davon nicht ausgeschlossen. Meine Arbeiten sind zensiert und auch gefeiert worden.

Würden Sie sagen, dass politische Kunst etwas bewirkt?
Nicht nur die sogenannte politische Kunst bewirkt etwas. Alles, was als Kunst verstanden wird, hat eine Wirkung auf den gesellschaftlichen Konsens. Auch die Stillleben.

Ihre Arbeiten bringen häufig etwas Verborgenes zum Vorschein. Etwa die berühmte Arbeit zur Provenienzforschung zu Edouard Manets „Spargelbündel“. Zum Teil sind auch die Debatten, die Ihre Werke nach sich ziehen, Teil dieses Prozesses. Man denke nur an den von Ihnen kreierten Schriftzug „Der Bevölkerung“ am Deutschen Reichstag. Liegt die Wahrheit im Verborgenen?

So weit wie möglich sollten wir uns bei allem bemühen, zu begreifen, was unter der Oberfläche verborgen in der Tat unser Leben bestimmt.

Sie leben seit Langem in New York, wie erleben Sie den Unterschied zwischen der europäischen und der US-Kunstwelt?
Die meisten Museen in den USA sind private Institutionen und werden aus privaten Quellen finanziert, wohingegen sie in Europa vornehmlich städtisch oder staatlich sind und aus der öffentlichen Kasse unterhalten werden. Das hat Konsequenzen, die aber nicht einfach und uniform sind. Es kommt immer darauf an, wer tatsächlich das Sagen hat. Der Einfluss des Kunstmarktes wie auch finanzkräftige Sammler spielen auf beiden Seiten des großen Teiches oft eine Rolle.

Und wie haben Sie den Wandel der Stadt New York im Lauf der Jahrzehnte erlebt?
In den 60er und 70er Jahren war New York ziemlich heruntergekommen. Aber die Mieten waren verhältnismäßig tragbar. Seither ist die Stadt allgemein schicker geworden. Der Unterschied von arm und reich hat erheblich zugenommen. Trotzdem ist New York immer noch eine im Verhältnis zu anderen Gegenden ziemlich liberale, kosmopolitische Stadt. Donald Trump stammt zwar aus New York, und es gibt an der Fifth Avenue immer noch den Trump Tower. Aber er ist hier ziemlich unbeliebt. Seine Republikaner haben im Staat New York nur in ein paar ländlichen Gegenden Wahlchancen.

Die USA haben vier Jahre Trump hinter sich, denken Sie, dass sich nun irgendetwas bessern wird?
In den von der Demokratischen Partei regierten Staaten ändert sich einiges in einem für mich positiven Sinne. Dagegen ist es beängstigend, was in den von Trump-Anhängern beherrschten Staaten geschieht. Es steht viel auf dem Spiel, welche Partei bei der Wahl im nächsten Jahr die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat gewinnt. Auch für den Rest der Welt hat das enorme Folgen.

Der Entwurf Haackes ist derzeit in Graz plakatiert Foto © steirischer herbst

Zur Person

Hans Haacke, geboren 1936 in Köln, lebt seit 1965 in New York, wo er bis 2002 Kunstprofessor war. Er ist einer der wichtigsten internationalen Konzeptkünstler. Sein Werk sorgt immer wieder für viele Debatten, in New York, in Berlin oder in Graz.

Besondere Werke:
"Der Bevölkerung" 1999 schafft Haacke einen Schriftzug am Deutschen Reichstag, der gewissermaßen die dort angebrachte Inschrift "Dem deutschen Volke" ergänzt bzw. befragt. Die Arbeit wird jahrelang heftig politisch kommentiert.

"Gift Horse": Ein riesiges Pferdeskelett am Londoner Trafagar Square, aufgestellt 2016, das sich kritisch mit dem Markt auseinandersetzt.

"Und ihr habt doch gesiegt": 1988 umhüllt Haacke die Mariensäule am Eisernen Tor in Graz. Teil des Projekts "Bezugspunkte", dass an den Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 erinnert.

"Wir alle sind das Volk": ein mehrsprachiges Sujet, das Haacke Anfang der 2000-er entwirft und das in Plakatform öfters im Einsatz war. Aktuell beim steirischen herbst. Der Satz ist in die zwölf meistgesprochenen Sprachen in Graz übersetzt.

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