Buch der Woche "Matou"Michael Köhlmeier und sein philosophischer Kater

Michael Köhlmeier schlüpft in gleich sieben Katzenleben und streunt kreuz und quer durch die Weltgeschichte. Ein ausuferndes Leseerlebnis.

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Michael Köhlmeier lässt einen Kater philosophieren © APA/dpa-Zentralbild/Jan Woitas
 

Matou ist ein belesener Kater. Er kann auch sprechen und schreiben. Das hat er von E. T. A. Hoffmann gelernt. Für den Dichter der Romantik war er daher das Vorbild für dessen „Kater Murr“ und seinen „Lebensansichten“ - sagt zumindest Michael Köhlmeier in seinem jüngsten Opus magnum „Matou“. Groß ist es wirklich geworden, mit 950 Seiten umfangreicher als Köhlmeiers bisher stärkster Wälzer „Abendland“. Nicht weniger als die Geschichte der Aufklärung rollt der Vorarlberger Erzähler mit sieben Büchern in einem hier auf.

Sein Kunstgriff ist originell: Der kupferrote Kater mit weißen Pfoten und weißer Schwanzspitze ist ein Reiseführer durch die Geschichte mit sieben Leben. Als Ich-Erzähler gibt er der Leserin einiges zu denken: Ist Camille Desmoulins, der erste Herr von Matou, wirklich eine historische Figur der Französischen Revolution? Hatte Andy Warhol tatsächlich 18 Katzen, die er alle Sam nannte, und war er wirklich mit Arnold Schwarzenegger im Waldorf Astoria zum Mittagessen verabredet?

In einem anderen Leben (mit dem Geschichte-Studenten Daniel) erläutert Matou „wie Autoren vorgehen, wenn sie reale Begebenheiten und wirkliche Pesönlichkeiten im Text auf eine Weise behandeln, als wären sie erfunden, und umgekehrt, wie erfundene Begebenheiten und Personen so dargestellt werden, dass sie als historisch wahrhaftig erscheinen.“ Von Büchners „Dantons Tod“, Goethes „Lotte in Weimar“ bis zu Tarantinos „Inglourious Basterds“ und Kehlmanns „Vermessung der Welt“ zählt er Charaktere und Geschehnisse auf, die aus Wahrem und Erfundenen gemischt sind.

Auf leisen Pfoten kommt zwischendurch auch Kritisches daher. Etwa wenn Köhlmeier seinem Katzen-alter-Ego eine Klage ins Maul legt: „Ach, ich habe über sechs Leben hinweg (...) versucht zu begreifen, wie euer Geist funktioniert, und nun, da ich endlich einiges über ihn in Erfahrung gebracht habe, werden die Geisteswissenschaften an euren Universitäten zu Kuriositäten degradiert oder gar gestrichen.“ Um Missverständnissen vorzubeugen: „Matou“ ist kein deklariertes Buch für Katzenfreunde.
Denn Sympathieträger ist der gebildete Kater nicht, der unter der Guillotine das Blut seines ersten Herren aufleckte und ein Terror-Regime auf der Katzeninsel Hydra anführte. Als parodistischer Bildungsroman dürfte er Marathon-Lesern aber ein sattes Miau entlocken.

Hanser
Michael Köhlmeier. Matou. Hanser, 958 Seiten, 35 Euro © Hanser


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