KolumneDirk Stermann: Bangladesch ist überall

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Dirk Stermann
Dirk Stermann © (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
 

In Venedig traf ich eine Kärntnerin, die zehn Jahre dort gelebt hatte und den schönen, seltenen Vornamen Concordia trägt. Sie liebte Venedig, trotz aller Schwierigkeiten, die ein Leben auf Stelzen mit sich bringt. Die vielen Brücken sind bei Einkäufen sehr hinderlich. Und dann das ständige Hochwasser. Concordia wird den Klimawandel professionell meistern. Überschwemmungen hat sie studiert. Wenn sie in Venedig morgens bei Hochwasser zur Arbeit ging, zog sie sich über ihr Bürogewand einen Ganzkörpersegelanzug an. Sie sah aus wie vom Mars, kam aber trocken an ihren Arbeitsplatz. Den Ganzkörpersegelanzug könnten inzwischen immer mehr Menschen brauchen, auch in Gegenden, die, anders als die Lagunenstadt, noch gar keine Erfahrungen mit solchen Wassermassen gemacht haben. Vielleicht ändert sich auch die Mode. Mehr Ostfriesennerze und Ölkleidung, weniger H&M.

Noch vor wenigen Jahren sahen wir alle Bilder aus Bangladesch, wo Millionen Menschen bis zu den Schultern im Wasser standen, ihr weniges Gut auf dem Kopf tragend. Bangladesch ist weit weg und vielleicht dachten wir, gut, die sind das bestimmt gewöhnt. Aber es ist wahrscheinlich überall schwer, sich daran zu gewöhnen, dass die eigene Welt untergeht, egal, wie oft das geschieht. In Deutschland haben Menschen auch alles in den Fluten besessen, was sie besaßen. Auch die Fernseher, in denen sie früher Berichte aus Bangladesch gesehen haben und sich dachten, ja, gut, Bangladesch. Weit weg. Warum wohnen die auch ausgerechnet in Bangladesch.

Heute ist entweder Bangladesch größer geworden oder Deutschland oder Hallein oder Teile von Niederösterreich haben sich selbst bangladeschiert. Bangladesch kann überall sein, nur vielleicht nicht in den brennenden, trockenen Teilen der Welt. Abbrennen oder absaufen? Beides Arschkarten. Und wieso hat Gott, der auch nicht auf Greta Thunberg hört, es nicht wenigstens so gelöst, dass Teile des Wassers von Überschwemmungen Teile der Feuer löschen und umgekehrt? Weil Gott auch so ein alter, weißer Mann ist, der sich denkt, nach mir die Sintflut? Gott und Sebastian Kurz sind sich da ähnlich, kein Wunder, ist er doch für viele Gottes Sohn. Was hätte Jesus gemacht? Er hätte in Venedig auf dem Sessel der alten Frau gesessen und sich nicht retten lassen, sondern wäre vermeintlich für uns alle ertrunken.

Seit der Aufklärung wissen wir aber, dass man selbst als kleinster Menschenwurm auch eingreifen kann in die Schöpfung. Kurz vielleicht nicht. Der Kanzler kann nur eingreifen, wenn Novomatic nickt oder wenn es um Flüchtlinge geht. Vielleicht brauchen wir da, zumindest für die nächsten Jahrzehnte, andere Leute am Ruder. Und Ruder ist auch nicht buchstäblich gemeint. So radikal die Naturkatastrophen sind, so radikal müssen wahrscheinlich auch Entscheidungen werden. Da ist es egal, ob die Tourismusindustrie schimpft. Wer ertrinkt, wird nie mehr Sachertorten bestellen.

Kommentare (1)
GordonKelz
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3
Lesenswert?

Einiges AN und AUSGESPROCHEN, GUT !!

Gordon