Neuer Roman von Doris KnechtAchtung, der Schneeball rollt!

Im neuen Buch von Doris Knecht geht es um digitale Gewalt und wie sie ein Leben aus dem Lot bringt.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Die Schriftstellerin und Journalistin Doris Knecht
Die Schriftstellerin und Journalistin Doris Knecht © (c) imago/Manfred Segerer
 

Möglicherweise hat Doris Knecht als Kind gerne mit Schneebällen gespielt und sie ins Rollen gebracht, damit sie immer größer und größer werden. Dieses Verfahren wendet die österreichische Schriftstellerin, Kolumnistin und Journalistin heute noch an, auch in ihrem neuen Roman „Die Nachricht“. Der Erzählball ist zunächst nur handgroß, gewinnt aber immer mehr an Fahrt, wird größer und gefährlich, bedroht seine Umgebung, reißt Herumstehende mit – und unten angekommen, zerbricht er dann.

Es beginnt mit einer Messenger-Nachricht, die Ruth auf ihrem Laptop erhält. Der Schreiber weiß viel von ihrer Vergangenheit, die Nachrichten werden immer persönlicher und bedrohlicher. Das Leben von Ruth, das sie nach dem Tod ihres Mannes wieder mühsam ins Lot gebracht hat, gerät wieder aus den Fugen.

Wie in ihren Büchern zuvor gelingt es Knecht auch diesmal, eine starke Story, die einen unaufgeregten Sound in sich trägt, mit aktuellen Unappetitlichkeiten zu verknüpfen. Ruth ist eine selbstbestimmte Frau, die Kinder sind aus dem Haus, das Alleinsein schätzt sie. Doch die Nachrichten werden bald lebensbestimmend, der Schneeball rollt. Anfangs reagieren die Freunde noch schockiert, bald sind sie genervt. Und überhaupt: Stimmt das alles wirklich so? Vielleicht hat ja Ruth selbst die Nachrichten geschrieben?

Aus der Frau, die sich ihre Autonomie hart erkämpft hat, wird die Verfolgte, die man nicht ernst nimmt. Man kennt das nicht nur aus Romanen. Es geht hier um Frauenverachtung und digitale Gewalt, um das Bröckeln von Gewissheiten und Loyalitäten, auch um die Ohnmacht im Ringen mit einem unsichtbaren Feind. Dieser, der ekelhafte Anonymus aus dem Internet, wird zwar entlarvt, die Konsequenzen für ihn sind aber nicht der Rede wert.

Souverän und mit ungeschminkten Sätzen, die mit wohldosierter Skepsis getränkt sind, treibt Doris Knecht diese Geschichte ins Finale. Ihr Stil ist nie anklagend, nur beschreibend. Das ist Anklage genug. Alter Journalisten-Lehrsatz. Schreib nie: „Der böse Mensch.“ Beschreib den Menschen so, dass das Böse – ohne das Wort zu verwenden – aus jeder Zeile kriecht. Die Sache mit dem Schneeball hat wieder gut funktioniert.

Buchtipp: Doris Knecht. Die Nachricht. Hanser Berlin,
254 Seiten, 22,70 Euro. 

KK
© KK

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung!