KolumneDirk Stermann: Der Schurli und sein langes Leben

Mit Riesenschildkröte Schurli starb der älteste Bewohner von Schönbrunn. Wie mag das Leben des über 130-Jährigen ausgesehen haben?

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Dirk Stermann
Dirk Stermann © (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
 

Schurli ist tot. Mindestens einhundertdreißig Jahre wurde die Riesenschildkröte, die seit fast sechzig Jahren im Tiergarten Schönbrunn lebte. Nach Robbenmännchen Comandante und Elefantenbaby Kibali jetzt also Schurli. Was ist da los im Zoo? Quer durch die Altersgruppen, Spezies und Geschlechter. Kann man mit Kindern noch in den Zoo gehen oder muss man Angst haben, dass die Kinderaugen mit noch mehr Sterblichkeit im Tierreich konfrontiert wird?

Schurli, die alte Schildkröte, würde in all seiner (von mir klischeehaft zugeschriebenen) Weisheit diese Frage natürlich bejahen, denn Leben und Tod gehören zusammen. Gerade Schurli hat viel von beidem erlebt. Einhundertdreißig Jahre, das muss man sich einmal auf der Kalenderzunge zergehen lassen. Sagen wir einmal gegen Achtzehnhundertneunzig schlüpfte Schurli, vielleicht auf den Galapagosinseln, jedenfalls sehr wahrscheinlich außerhalb der Habsburg Monarchie, die zwar groß war und unterschiedlichste Untertanen hatte, aber Riesenschildkröten? K.u.K. Riesenschildkröten? Eher nicht. Vielleicht hat sie sich im Pazifik verschwommen und landete in der Donau oder sie wurde von einem Riesenschildkröten-Sammler entdeckt und dem Kaiser geschenkt. Da wird sie sich gewundert haben. Die Frau von dem Backenbartmännchen hat so lange Haare? Und warum wohnen die Tiere hier im Garten hinter Gitterstäben?

Dann wurde die Frau mit den langen Haaren erstochen und sehr viele Männchen starben in einem Krieg. Das gab es unter Riesenschildkröten nicht, nicht einmal unter Riesenidiotenschildkröten oder Zwerghirnkröten. Das kannten nur diese Menschen. Schurli, der seinen eigenen Namen albern und dumm fand und sich selbst ganz anders nannte, hätte am liebsten seinen Kopf für länger in den Panzer zurückgezogen, bei all dem Irrsinn, der ihn umgab.

Schurli, der sich selbst vielleicht Georg nannte oder Jorge, weil die Galapagosinseln ja spanischsprachig sind, sah dann noch einen Krieg, noch größer und grausamer als der erste. Und er beschloss für sich, dass Menschen offensichtlich zum dümmsten gehören, was die Schöpfung sich ausgedacht hatte. Überall Panzer, aber nicht als Rückzugsorte bei Gefahr, sondern als Gefahrenherde, aus denen Blitz und Donner kam. Vielleicht hätte man die Tiere aus den Käfigen und die Menschen hineingeben sollen, dachte Jorge vielleicht, aber Riesenschildkröten wurden weder in Versailles noch auf Jalta gefragt. Ein weiteres Indiz für die unterbelichteten Menschen.
Anfang der Fünfzigerjahre wurde Schurli dann auch in ein Schönbrunner Gehege gesteckt. Da stand er herum und betrachtete Generation um Generation, die ihn anstarrte. Die draußen waren klein, wurden alt und verschwanden, aber Schurli blieb. Jorge. Vielleicht auch Popocatepetl oder irgendein anderer indianischer Name, weil die Inselgruppe ja nicht immer spanischsprachig war. Das hatte Schurlis Großmutter noch erlebt, aber das ist eine andere Geschichte.

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