Buch der Woche: Frédéric BeigbederDie einfältigen Fratzen der Emojis

Frédéric Beigbeder hat ein schrecklich lustiges Buch über die Verblöd(el)ung der Medien und die Diktatur des Lachens geschrieben. Hihiho.

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Der französische Schriftsteller Frédéric Beigbeder
Der französische Schriftsteller Frédéric Beigbeder © (c) imago images/PanoramiC (Jonathan Rebboah via www.imago-images.de)
 

Worüber auch immer Frédéric Beigbeder schreibt und wie auch immer seine Romanfiguren heißen, im Mittelpunkt steht stets ein Mann. Er heißt Frédéric Beigbeder. Seit vor rund 20 Jahren sein Roman „Neununddreißigneunzig“ erschienen ist, arbeitet sich der Franzose an der Verkommenheit seines Landes ab und weiß deshalb so gut Bescheid über die Schickeria der Zyniker, weil er ein Teil davon ist.

Aber wie sich Beigbeder über die Welt und sich selbst das Maul zerreißt, ist auch diesmal wieder ein herrliches Lesevergnügen; wenngleich das Wort „Roman“ für dieses Buch deplatziert ist. Vielmehr handelt es sich um einen bitteren Essay mit Rahmenhandlung, eine spottreiche Abrechnung mit einer Zeit, der es an Eleganz und Aufrichtigkeit fehlt.

Octave Parango heißt Beigbeders Alter Ego diesmal; ein empathieverkrüppelter Radiokolumnist, der es lange Zeit chic fand, auf den Lebensruinen der anderen zu tanzen, bis er plötzlich selbst vor den Trümmern seiner Karriere steht. Auf einem rauschhaften Streifzug durch eine Pariser Nacht muss Octave erkennen, dass die wütenden Menschen auf den Straßen in ihren Gelbwesten keine Lachnummer sind, sondern besorgte Bürger, die ohnmächtig gegen immer weiter klaffende Klassenunterschiede anrennen.

Zur Person

Frédéric Beigbeder, geb. 1965, war Werbetexter, bevor er mit seinem Roman „Neununddreißigneunzig“ (2000) zum Enfant terrible des französischen Literaturbetriebs avancierte.

Was folgt, ist ein Furor gegen die Verblödung und vor allem Verblödelung der (französischen) Medien, gegen das Diktat des (schlechten) Humors. Je dunkler die Zeiten, desto schlechter die Witze. Octave wandelt sich vom dekadenten Junkie und Komplizen des Systems zum rabiaten Kämpfer gegen Windmühlen, der genussvoll seine Selbstvernichtung inszeniert.

Beigbeder hat mit diesem galligen Buch auch eine ätzende Satire über die Allmacht der Satire geschrieben, über diese „Maschine, die alles, das sich ihr in den Weg stellt, zermalmt.“ Und er stürzt mit mächtiger Schreiblanze die Clowns vom Sockel: „Denn der Narr ist nicht anfechtbar – und damit ein Tyrann.“

Beigbeder inszeniert sich gerne als egomanisches Enfant terrible, das schon einmal wegen Drogenkonsums in der U-Haft landet, doch seine Bücher haben mehr zu bieten als glänzende Oberflächen. Und an einer Stelle dieses Buches heißt es: „Die Feinde der Intelligenz werden gewonnen haben, wenn Romane diese kleinen, einfältig gestalteten Fratzen als Titel tragen. Hihiho.“

Mit den Fratzengesichtern sind die allgegenwärtigen Emojis gemeint. Wer gewonnen hat, steht somit fest.

Buchtipp: Frédéric Beigbeder. Der Mann, der vor Lachen weinte.
Piper, 318 Seiten, 22,90 Euro.

KK
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