Eröffnung des Carinthischen SommersKöhlmeier kritisiert "gegenwärtige politische Unarten"

Michael Köhlmeier hielt bei der Eröffnung des Carinthischen Sommers eine flammende Rede gegen politische Fehlentwicklungen und die Praxis der „Täter-Opfer-Umkehr“.

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Michael Köhlmeier: „Täter-Opfer-Umkehr ist Lüge © Neumüller
 

Mit dem diesjährigen Motto des Carinthischen Sommers „ich Narr“ hatte die Festrede des Schriftstellers Michael Köhlmeier vordergründig nur wenig zu tun, außer man sieht sie als Bestätigung des gängigen Bildes vom Künstler als Hofnarr, der es „denen da oben“ einmal so richtig hinein sagt. Auch der 71-jährige Vorarlberger nutzte vor versammelter Festgemeinde die Gelegenheit, um auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen und „gegenwärtige politische Unarten“ hinzuweisen. In seiner „Kleinen Phänomenologie der Umkehr“ warnte Köhlmeier vor einer Täter-Opfer-Umkehr, die in der aktuellen politischen Auseinandersetzung zur häufig gebrauchten Waffe geworden sei. Ausgehend von einem Satz, den er Ende der 1970er zum ersten Mal gehört habe – „Die Deutschen verzeihen den Juden Auschwitz nie“ – spannte er einen weiten Bogen von den antiken Mythologie über den Holocaust bis hin zu aktuellen Ereignissen in Österreich. Seine unmissverständliche Anklage: „Täter-Opfer-Umkehr ist Lüge, ist immer Lüge. Wer vor einem Untersuchungsausschuss sechsundachtzigmal beteuert, er könne sich nicht erinnern und dann einen aus der ,Familie‘ vorschickt, damit der fordere, man solle die Wahrheitspflicht vor solchen Ausschüssen abschaffen, weil die Wahrheit für den Befragten unzumutbar sei, der lügt – und mehr als das: Er spielt mit der Lüge. Er macht die Lüge und damit ihr Gegenstück, die Wahrheit, zu Teilen eines Spiels – part of the game –, aber keines fairen Spiels, sondern eines Glückspiels mit gezinkten Karten, in dem es wie bei allen diesen Spielen nur auf Geschicklichkeit ankommt, auf Wendigkeit, auf Bluff, auf mehr oder weniger raffinierten Betrug.“

Die gegenwärtige politische Auseinandersetzung sei zudem „kein Austausch und Abwägen der Argumente, keine Kritik und Gegenkritik“, kritisierte Köhlmeier weiters, „sondern ein Krieg, vorerst ein Krieg der Worte, aber ein Krieg, in dem sich nicht Menschen mit verschiedenen Meinungen, Urteilen, Glaubensbekenntnissen und verschiedenen Erfahrungen gegenüberstehen, sondern Sieger und Besiegte, Täter und Opfer“. Am Ende der rund 20-minütigen Rede stand die Mahnung: „Geben wir acht! Wer ist der Täter? Wer ist das Opfer? Wer spricht von Wahrheit, wenn er lügt? Wer spricht von Lüge, wenn ihm die Wahrheit widerspricht?“
Für das vordergründig Närrische sorgte bei der carinthischen Eröffnung die Villacher Faschingsgarde samt Prinzenpaar, die den Ehrengästen – darunter der Kärntner Landeshauptmann und kirchliche Würdenträger – mit Lei-lei-Rufen Spalier standen.

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