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Egyd Gstättner denkt querWilde Zeiten vor dreißig Jahren

Egyd Gstättner erinnert sich an den Balkankrieg vor den Toren seiner Heimatstadt Klagenfurt.

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© Kleine Zeitung
 

Dreißig Jahre ist es her, dass der Balkankrieg an unserer Grenze ausgebrochen ist, und noch waren meine Kinder, denen ich von Heldentaten hätte erzählen können, gar nicht auf der Welt. Gar so viel war bei uns auch nicht los: Eines Nachts rollten ein paar Panzer durch Klagenfurt Richtung Loiblpass, am Flughafen Ljubljana kam bei einem Schusswechsel ein österreichischer Journalist ums Leben. Ein Kampfjet der jugoslawischen Armee verirrte sich im österreichischen Luftraum und Slowenien war binnen ein paar Wochen unabhängig, wie es unsere slowenischen Verwandten seit Titos Tod prophezeit hatten.
Sinistre Waffenschieber machten freilich auch nördlich der Karawanken illegale Geschäfte.
Hier wurde Landeshauptmann Haider wegen seines Sagers von der „ordentlichen Beschäftigungspolitik im Dritten Reich“ von der politischen Konkurrenz abgewählt (und gleichzeitig zum Vizelandeshauptmann angelobt). Da gab es einen martialischen Aufmarsch von Parteisoldaten aus allen Teilen der „Missgeburt Österreich“ am Neuen Platz, dass einem angst und bange werden konnte. Die Kärntner Intellektuellen hielten sich mit Protesten auffällig zurück. Ich stand gerade zur erzwungenen Gewissensprostitution vor der Zivildienstkommission und musste sie überzeugen, dass a) Krieg, b) Bundesheer und c) sie selbst, die feiste Gewissenskommission, eine Schweinerei sondergleichen war(en). Gleichzeitig vernichtete der Schweizer Urs Allemann beim Bachmannpreis mit seinem Text „Babyficker“ unter großer medialer Anteilnahme seine Karriere.
Mein alter Vater, damals selbst im Krankenhaus, stand Todesängste aus, weil ich zum Vilenica-Literatursymposion nach Lipica eingeladen war, das auch während des Balkankriegs stattfand. Fabjan Hafner, Antonio Fian, Urs Widmer und viele Autorinnen und Autoren aus den einander bekriegenden jugoslawischen Teilrepubliken waren dabei, alle waren in allen Sprachen todtraurig, abends in Stanjel gab es Cevapcici, Union Pivo, Refosk und Slibowitz. Gewonnen hat die Tschechin Libuse Monikova. Mitteleuropa war ein meteorologischer Begriff. Immerhin, ich habe alles überlebt, anders als viele andere ...

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