KolumneDirk Stermann: Dale Looks Twice

Kann die Erinnerung an eiskalte Tage die Hitze vertreiben? Aber sicher! Kommen Sie mit nach Rapid City.

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Dirk Stermann
Dirk Stermann © (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
 

Meine Mutter war mit mir einkaufen und hat mich bei dieser Saharahitze im Auto über eine Stunde sitzen lassen. Ich hätte, wie man es so oft liest, im Auto sterben können. Gott sei Dank bin ich schon über fünfzig und bin einfach ausgestiegen. Trotzdem habe ich meiner Mutter vorgeworfen, wie verantwortungslos das von ihr war. Nur weil ich schon älter bin, hat sie mich doch einem Risiko ausgesetzt.

Während ich also auf dem Parkplatz im Auto saß und mich gegen den Hitzetod zu wehren versuchte, dachte ich, wie immer bei solchen Temperaturen an den Winter 1990, als ich bei minus 45 Grad in Süd Dakota war. Ich bilde mir ein, dass die Erinnerung mich abkühlt. Damals hatte sich das Massaker an den Lakota in Wounded Knee zum einhundertsten Mal gejährt. Die US-Kavallerie hatte 300 wehrlose Sioux ermordet und ich war für den ORF bei dem Ritt dabei, den die Nachfahren zwei Wochen lang unternahmen, um ihre Vorfahren zu ehren. In Wien hatte ich den Lakota Milo Yellowhair kennengelernt, ein freundlicher, narbiger 150-Kilo Mann, der als Außenminister der Lakota Europa bereiste. Er hatte mich eingeladen und so machte ich mich auf, eine Radioreportage zu machen. In Rapid City sollte ich von Dale Looks Twice am Flughafen abgeholt werden. Dale war Moderator von KILI, dem Radiosender der Sioux. The Voice oft the Lakota Nation. Dale Looks Twice war aber nicht da. Ich schaute zweimal, aber fand ihn nicht und stand im eisigen Wind. Ich trug eine dicke Daunenjacke, die für extreme Temperaturen geeignet war, untenrum aber nur eine Jeans.

Vorm Flughafen kroch mir die Kälte durch die Hose, als versuchten Millionen von Ameisen meine Haut aufzubeißen. Als Dale endlich kam, fühlte ich meine Beine nicht mehr. Sie zitterten, aber waren sonst bewegungsunfähig. Dale trug mich mit einem zweiten Lakota in seinen Lieferwagen und steckte mich im Motel erst einmal in eine kalte Wanne. Warmes Wasser hätte gefährlich werden können, sagte Dale und weil Indianer naturverbundener sind als wir, glaubte ich ihm und stand in der Wanne mit kaltem Wasser, ohne etwas zu fühlen. Erst am nächsten Tag konnte ich wieder auf zwei Beinen gehen und Dale fuhr mit mir zu den Reitern. Ein paar Hundert Indianer aus ganz Nordamerika, in indianischer Kleidung auf Pferden. Eisklumpen in den Wimpern der Reiter, Eisklumpen in den Schwänzen und Mähnen der Pferde. Einige Reiter waren mit Erfrierungen ins Krankenhaus eingeliefert worden, drei Pferde während des Ritts erfroren. Ich stand da in meiner Daunenjacke und meinte, in einem Tiefkühlfach zu sein.

Niemals habe ich größere Kälte erlebt als damals in Süd Dakota. Und Dale Looks Twice? Er schaute zweimal pro Stunde nach mir. Ob ich noch lebte und meine Beine noch bewegen konnte. Alle Tonaufnahmen, die ich machte, klangen merkwürdig. Weil ich so zitterte, wenn ich das Mikrofon hielt. „Der lange Ritt nach Wounded Knee“ hieß die Reportage, die immer wieder einmal auf Ö1 wiederholt wird. Wenn mir sehr heiß ist, höre ich sie mir zu Hause an.

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