Eine runde SacheTomer Gardi: Zwischen den Welten und Sprachen

Der israelische, in Deutschland lebende Autor Tomer Gardi hat einen gevieften Roman über Sprache, Macht und Identität geschrieben.

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Tomer Gardi liefert Slapstick mit Hintergrund
Tomer Gardi liefert Slapstick mit Hintergrund © KK
 

Der Titel ist natürlich irreführend. Denn eine „runde Sache“ ist auch das neue Buch von Tomer Gardi (zum Glück) nicht. Es hat Ecken und Kanten, eine wunderbare Schräglage, und wieder lässt sich der israelische Autor mit Wohnsitz in Berlin in keine Schublade stecken. Sein aktueller Streich ist eine aberwitzige, hochgradig komische, aber zugleich tiefgründige Odyssee auf zwei völlig unterschiedlichen Zeit- und vor allem Sprachebenen, doch am Ende ergibt das Ganze doch – nun, eine runde Sache.

Wie bereits in seinem Roman „Broken German“ betreibt Gardi auch diesmal ein hinterlistiges Spiel mit der Wirkmächtigkeit von Sprache. Den ersten Teil des Buches hat der Autor auf Deutsch geschrieben – unkorrigiert und bewusst mit allen Fehlern und Brechungen. Die Hauptfigur ist Gardi selbst, und die Geschichte, die er erzählend erlebt, voll grotesker Szenen: ein sprechender Schäferhund taucht auf, ein verhaltensauffälliger Erl- oder Elfenkönig reimt sich durch dieses Absurdistan. Doch unter der Oberfläche des vermeintlichen Slapsticks lauern messerscharfe Sätze, Beobachtungen und bittere Wahrheiten. Es geht um Macht, Herrschaft, Gruppenbildung, Ausgrenzung und das Kaleidoskop namens Identitäten.

Im zweiten Teil des Romans, diesmal aus dem Hebräischen übersetzt und dadurch in einer völlig anderen Sprachfarbe, beamt uns Gardi plötzlich zurück ins 19. Jahrhundert, und wir begleiten den indonesischen Prinzen und Maler Raden Saleh (eine historische Figur) auf seiner Reise von Asien nach Europa und wieder zurück. Und auch hier betreibt der Autor ein ausgefuchstes Spiel, denn was auf den ersten Blick als Abenteuerroman daherkommt, ist in Wahrheit auch erbarmungsloser Gegenwartsbefund.

Tomer Gardi hat auch in seinem dritten Buch lustvoll Formen und Genres zertrümmert. Aber er tut das nicht aus Zerstörungswut, sondern weil nur bei genauer Betrachtung der Einzelteile eine Chance besteht, das große Ganze zu erfassen. Wie reimt doch der Erlen- und Elfenkönig so schräg und schön: „Ja, ich reime meine eigene Scherben zur Heile, ich rhythme zusammen die zerbrochenen Teile.“ Ein Buch, das sich schwer fassen lässt und das unfassbar großes Vergnügen bereitet. Und viel Stoff zum Nachdenken.

Buchtipp. Tomer Gardi. Eine runde Sache.
Droschl, 255 Seiten, 22 Euro. 

KK
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