Bachmannpreisträgerin Nava Ebrahimi: "So dreist, mir diesen Preis zu erwarten, war ich nicht"

Die in Graz lebende Schriftstellerin Nava Ebrahimi ist die frisch gekürte Bachmannpreisträgerin 2021. Im Interview spricht sie über die Bedeutung des Preises und über die Selbstzweifel, die man als Autorin immer hat.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Nava Ebrahimi hat den Bachmannpreis 2021 gewonnen
Nava Ebrahimi hat den Bachmannpreis 2021 gewonnen © (c) Juergen Fuchs
 

Herzliche Gratulation, Sie sind Bachmannpreisträgerin 2021. In unserem letzten Gespräch haben Sie gemeint, dass Sie sich einen Preis erhoffen.
NAVA EBRAHIMI: Na ja, die Wahrscheinlichkeit, dass man irgendeinen Preis gewinnt, ist ja nicht so niedrig. Aber gleich den Preis, also den Bachmannpreis, zu gewinnen, so dreist war ich nicht, mir das zu erwarten. In einem kleinen Winkel meines Kopfes habe ich mir das natürlich schon gewünscht - aber wirklich nicht erwartet. Auch nach der Jurydiskussion habe ich nicht damit gerechnet.

Was bedeutet dieser Preis für Sie?
Zunächst einmal überwiegt noch immer das ungläubige Staunen, dass das wirklich passiert ist. Das hat man mir auch angemerkt, denke ich. Was dieser Preis in der Folge bedeutet, darüber habe ich ehrlich gesagt noch nicht nachgedacht. Als Autorin zweifle ich ja immer an dem, was ich tue. Der große Zweifel steht über jedem Text. Ich werde mich jetzt selbst beobachten, ob dieses Zweifeln weniger wird, wenn man einen so wichtigen Literaturpreis gewonnen hat. Das glaube ich zwar nicht. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass man dadurch ein neues inneres Level erreicht. Der große Zweifel wird also bleiben vermutlich. Aber meine Berechtigung als Autorin - die ja im Lockdown sehr stark gelitten hat - stelle ich jetzt vielleicht nicht mehr so stark infrage.

Also der Preis als Turbo für das Selbstbewusstsein?
Ich weiß nicht, ob Selbstbewusstsein das richtige Wort ist. Aber als Schriftstellerin hat man ja nicht diese äußeren Parameter, die den Beruf manifestieren. Ich arbeite in keinem Bürogebäude, ich habe keine Kollegen. Gut, ich habe meine zwei Bücher, an denen ich mich festhalten kann. Aber ansonsten: Wenn ich nicht schreibe, bin ich eigentlich keine Autorin. Daraus resultiert eben, dass man sich ständig selbst hinterfragt.

+

Bachmann-Preis: Die Preisträger seit 2000

Der Bachmannpreis 2021 ging an die in Teheran geborene und in Graz lebende Autorin Nava Ebrahimi für ihren Text "Der Cousin".

APA/ORF/JOHANNES PUCH

Die Deutsche Helga Schubert gewann 2020 die coronabedingte digitale Ausgabe des Bachmann-Preises - sie war da 80 Jahre alt. Die Autorin war zuvor bereits als Jurorin beim Wettlesen mit dabei. Ein Interview mit ihr lesen Sie hier.

ORF

Der Bachmann-Preis 2019 geht an die Salzburgerin Birgit Birnbacher. Die Soziologin erzählte in ihrem Text von einer im Prekariat lebenden Sozialforscherin.

Weichselbraun

Der Bachmannpreis 2018 ging an die in Wien lebende Ukrainerin Tanja Maljartschuk (geboren 1983) für ihren Text "Frösche im Meer".

(c) ORF (Puch Johannes)

Der bislang letzte österreichische Sieger: Ferinand Schmalz gewann den Bachmann-Preis 2017 für seinen Text "mein lieblingstier heißt winter"

(c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)

Sharon Dodua Otoo (* 1972 in London) ist eine britische Schriftstellerin, Publizistin und Aktivistin. Im Jahr 2016 wurde sie mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.

(c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)

Nora-Eugenie Gomringer (* 26. Januar 1980 in Neunkirchen/Saar) ist eine schweizerisch-deutsche Lyrikerin, Rezitatorin und Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2015 für den Text "Recherche". Sie lebt in Bamberg, wo sie seit 2010 das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Direktorin leitet.

(c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)

Tex Rubinowitz (* 5. Dezember 1961 in Hannover; eigentlich Dirk Wesenberg) gewann den Bachmann-Preis 2014 mit dem Text "Wir waren niemals hier". Der Deutsche ist Zeichner, Maler, Cartoonist, Reisejournalist und Schriftsteller. Er lebt seit 1984 in Wien.

(c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)

Katja Petrowskaja (geboren 3. Februar 1970 in Kiew, Ukrainische SSR) ist eine ukrainisch-deutsche Literaturwissenschaftlerin, Schriftstellerin und Journalistin. Im Jahr 2013 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis mit dem Text "Vielleicht Esther". Sie lebt in Berlin.

(c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)

Bachmannpreis 2012: Olga Martynova (* 26. Februar 1962 in Dudinka, Region Krasnojarsk, Russische SFSR, Sowjetunion) ist eine russische Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin. 

(c) dapd (Gert Eggenberger)

Maja Haderlap (* 8. März 1961 in Bad Eisenkappel/Železna Kapla, Kärnten) ist eine österreichische Schriftstellerin. Im Jahr 2011 gewann die Kärntner Slowenin den Ingeborg-Bachmann-Preis mit ihrem Text "Im Kessel".

(c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)

Peter Wawerzinek (Geburtsname Peter Runkel, * 28. September 1954 in Rostock) wurde 2010 für "Rabenliebe" mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet. Es war bereits das zweite Mal, das er am Wettlesen teilnahm.

(c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)

Bachmannpreis 2009 für den Text "Bis dass der Tod": Jens Petersen (* 20. März 1976 in Pinneberg) ist ein deutscher Schriftsteller und Arzt.

(c) AP (Gert Eggenberger)

Tilman Rammstedt (* 2. Mai 1975 in Bielefeld) ist ein deutscher Schriftsteller und Musiker. 2008 erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Preis für seinen Text "Der Kaiser von China". 

(c) AP (Gert Eggenberger)

Bachmann-Preis 2007: Lutz Seiler (* 8. Juni 1963 in Gera) trat zunächst vor allem als Lyriker hervor. Für seinen Debütroman Kruso wurde er 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

(c) AP (Gert Eggenberger)

Kathrin Passig (* 4. Juni 1970 in Deggendorf) ist Journalistin und Schriftstellerin. Im Jahr 2006 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis mit dem extra für den Bewerb geschriebenen Text "Sie befinden sich hier". 

APA/Eggenberger

Thomas Lang (* 19. März 1967 in Nümbrecht, NRW) ist ein deutscher Schriftsteller. Lang studierte Literaturwissenschaft in Frankfurt am Main und schloss als M. A. ab. Er lebt als freier Autor seit 1997 in München. Den Bachmann-Preis bekam er 2005 für "Am Seil".

(c) APA (GERT EGGENBERGER)

Uwe Tellkamp (* 28. Oktober 1968 in Dresden) wurde 2004 mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet (für einen Auszug aus dem Roman "Der Schlaf in den Uhren"). Sein bekanntester Roman "Der Turm", der 2008 bei Suhrkamp erschien, handelt von den letzten sieben Jahren der DDR bis zur Wende aus Sicht des Bildungsbürgertums in einem Villenviertel Dresdens.

(c) APA (GERT EGGENBERGER)

Inka Parei (* 5. Februar 1967 in Frankfurt am Main) bekam 2003 den Bachmann-Preis für einen Auszug aus dem Roman "Was Dunkelheit war". Sie lebt in Berlin.

(c) APA (GERT EGGENBERGER)

Peter Glaser (* 30. Juni 1957 in Graz) ist ein österreichischer Schriftsteller und Journalist. Er lebt und arbeitet in Berlin.Den Bachmann-Preis 2002 bekam er für den Text "Geschichte von Nichts".

(c) APA (GERT EGGENBERGER)

Michael Lentz (* 15. Mai 1964 in Düren) ist ein deutscher Schriftsteller, Lautpoet, Literaturwissenschaftler und Musiker. Er lebt in Berlin und Leipzig. Bachmann-Preis 2001 für den Text "Muttersterben".

(c) AP (GERT EGGENBERGER)

Der erste Bachmann-Preisträger des Jahrtausends: Georg Klein (* 29. März 1953 in Augsburg) gewann 2000 mit dem Text "Auszug aus einem langen Prosatext".

(c) APA (EGGENBERGER GERT)
1/22

Man schreibt gleichsam in ein schwarzes Loch, meinen Sie?
Ja, auf jeden Fall. Es ist immer ein neues Wagnis, ein neues Risiko. Wenn ich jetzt ein neues Buch herausbringe und darauf steht "Bachmannpreisträgerin", dann hat man vermutlich Vorschusslorbeeren. Andererseits schauen dann alle genauer hin auf diese Autorin.

Ihr Gewinnertext heißt "Der Cousin". Es geht darin um das Trauma familiärer Migrationsgeschichten.
Die Erzählerin trifft in New York ihren Cousin, er ist dort erfolgreicher Tänzer. Sie ist Schriftstellerin. Wie erfolgreich, weiß man nicht. Sie wird dann, ohne es zu wissen, Teil einer Inszenierung, in der der Cousin sein traumatisches Fluchterlebnis verarbeitet. Auf einer zweiten Ebene geht es in diesem Text darum, wie man über eigentlich Unerzählbares reden kann - oder schreiben. Und dass Kunst bzw. Kultur der einzige Weg ist, das Unsagbare zu artikulieren.

 

 

Kommentare (1)
zweigerl
0
3
Lesenswert?

Verloren in fremden Welten

Der iranisch-amerikanische Hintergrund dieser verqueren Familiengeschichte, die Familie down, aber Cousin und Cousine exzellieren als ausübende und schreibende Künstler, hat sich mir nicht erschlossen. Ich möchte nicht werten. Aber hier werden intime Familienprobleme introspektiv und artifiziell miteinander verzahnt, die nicht einmal mehr ansatzweise das Paradigma der europäischen Literatur fortschreiben. Aber wie sagte die Juryvorsitzende euphorisch über die Geschichte eines IS-Mördervaters, die zweifach prämiiert wurde? "Endlich: Adorno und Berlin-Kreuzberg." Na dann.