2. LesetagBachmann-Preis: Vom Bedürfnis nach guten Geschichten

Der Steirer Fritz Krenn (63) und die junge Kärntnerin Verena Gotthardt (25) brachten jeweils einen unkonventionellen, persönlichen Ton in den Lesereigen. Und ernteten das Wohlwollen der Jury.

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++ HANDOUT ++ BACHMANN-PREIS: '45. TAGE DER DEUTSCHSPRACHIGEN LITERATUR' / 2. TAG DES WETTLESENS
Verena Gotthardt bei ihrer Lesung © APA/ORF/JOHANNES PUCH
 

Mit zwei sehr gegensätzlichen Texten, die sich laut Interpretation Insa Wilkes beide um den Literaturbetrieb drehen, endete gestern der zweite Lesetag mit seinen zum Teil heftigen verbalen „Gefechten“ (Jurorin Brigitte Schwens-Harrant).

Der Steirer Fritz Krenn, eingeladen von Klaus Kastberger, hat dabei mit seinem fulminant vorgetragenen Beitrag „Mr. Dog“ von Anfang an die Lacher auf seiner Seite. Was den einen als im positiven Sinne „unzeitgemäß“ gefällt, findet Philipp Tingler „durch und durch von gestern“. Und inhaltlich stimmt das ja auch, macht sich doch der 63-jährige Krenn in dieser „Literaturbetriebs-Etüde“ (Wilke) mit Referenzen auf die literarische Welt über das „Salon-Milieu“ quer durch die Geschichte lustig (Michael Wiederstein).

++ HANDOUT ++ BACHMANN-PREIS: '45. TAGE DER DEUTSCHSPRACHIGEN LITERATUR' / 2. TAG DES WETTLESENS
Die Lesung von Fritz Krenn Foto © APA/ORF/JOHANNES PUCH

Ganz anders zuvor die Lesung des Schweizers Lukas Maisel, dessen Text über junge Menschen, die sich nur mehr via Verabredungs-Apps im Internet kennenlernen können, auf nur geteilte Zustimmung trifft. Juror Tingler, der Maisel eingeladen hat, verteidigt den Autor und dessen lakonischen Ton: Neben der Schwierigkeit der menschlichen Annäherung sei das Bedürfnis nach sinnstiftenden Geschichten das zweite wesentliche Motiv des Textes. Dabei sieht sich Tingler überraschend einer Meinung mit Vea Kaiser, die sich freut: „Endlich traut sich ein Text zu erzählen, was für meine Generation Gegenwart bedeutet.“
Doch es stehen noch weitere Lesarten im Raum: „Ein typischer Klagenfurt-Text: Mit welcher Geschichte komme ich hier an?“, bemängelt etwa Juror Klaus Kastberger.

Kontroversiell hat der Tag schon begonnen. Leander Steinkopfs Geschichte „Ein Fest am See“ über einen Mann auf der Hochzeit seiner Ex-Freundin kann Insa Wilke nicht wirklich gut unterhalten: „Vielleicht bringt man mich nicht so leicht zum Lachen, weil ich aus Deutschland komme.“ Die Verteidigungsrede von Vea Kaiser für den von ihr mitgebrachten Autor erzürnt schließlich Tingler, der „diskursiv“, nicht emotional über Texte reden will und sich gegen die Zuschreibung wehrt, er sei einer Meinung mit Kaiser: „Fürs Protokoll: Es gibt kein Team Tingler – Kaiser!“

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Bachmann-Preis: Die Preisträger seit 2000

Der Bachmannpreis 2021 ging an die in Teheran geborene und in Graz lebende Autorin Nava Ebrahimi für ihren Text "Der Cousin".

APA/ORF/JOHANNES PUCH

Die Deutsche Helga Schubert gewann 2020 die coronabedingte digitale Ausgabe des Bachmann-Preises - sie war da 80 Jahre alt. Die Autorin war zuvor bereits als Jurorin beim Wettlesen mit dabei. Ein Interview mit ihr lesen Sie hier.

ORF

Der Bachmann-Preis 2019 geht an die Salzburgerin Birgit Birnbacher. Die Soziologin erzählte in ihrem Text von einer im Prekariat lebenden Sozialforscherin.

Weichselbraun

Der Bachmannpreis 2018 ging an die in Wien lebende Ukrainerin Tanja Maljartschuk (geboren 1983) für ihren Text "Frösche im Meer".

(c) ORF (Puch Johannes)

Der bislang letzte österreichische Sieger: Ferinand Schmalz gewann den Bachmann-Preis 2017 für seinen Text "mein lieblingstier heißt winter"

(c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)

Sharon Dodua Otoo (* 1972 in London) ist eine britische Schriftstellerin, Publizistin und Aktivistin. Im Jahr 2016 wurde sie mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.

(c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)

Nora-Eugenie Gomringer (* 26. Januar 1980 in Neunkirchen/Saar) ist eine schweizerisch-deutsche Lyrikerin, Rezitatorin und Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2015 für den Text "Recherche". Sie lebt in Bamberg, wo sie seit 2010 das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Direktorin leitet.

(c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)

Tex Rubinowitz (* 5. Dezember 1961 in Hannover; eigentlich Dirk Wesenberg) gewann den Bachmann-Preis 2014 mit dem Text "Wir waren niemals hier". Der Deutsche ist Zeichner, Maler, Cartoonist, Reisejournalist und Schriftsteller. Er lebt seit 1984 in Wien.

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Katja Petrowskaja (geboren 3. Februar 1970 in Kiew, Ukrainische SSR) ist eine ukrainisch-deutsche Literaturwissenschaftlerin, Schriftstellerin und Journalistin. Im Jahr 2013 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis mit dem Text "Vielleicht Esther". Sie lebt in Berlin.

(c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)

Bachmannpreis 2012: Olga Martynova (* 26. Februar 1962 in Dudinka, Region Krasnojarsk, Russische SFSR, Sowjetunion) ist eine russische Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin. 

(c) dapd (Gert Eggenberger)

Maja Haderlap (* 8. März 1961 in Bad Eisenkappel/Železna Kapla, Kärnten) ist eine österreichische Schriftstellerin. Im Jahr 2011 gewann die Kärntner Slowenin den Ingeborg-Bachmann-Preis mit ihrem Text "Im Kessel".

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Peter Wawerzinek (Geburtsname Peter Runkel, * 28. September 1954 in Rostock) wurde 2010 für "Rabenliebe" mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet. Es war bereits das zweite Mal, das er am Wettlesen teilnahm.

(c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)

Bachmannpreis 2009 für den Text "Bis dass der Tod": Jens Petersen (* 20. März 1976 in Pinneberg) ist ein deutscher Schriftsteller und Arzt.

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Tilman Rammstedt (* 2. Mai 1975 in Bielefeld) ist ein deutscher Schriftsteller und Musiker. 2008 erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Preis für seinen Text "Der Kaiser von China". 

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Bachmann-Preis 2007: Lutz Seiler (* 8. Juni 1963 in Gera) trat zunächst vor allem als Lyriker hervor. Für seinen Debütroman Kruso wurde er 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

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Kathrin Passig (* 4. Juni 1970 in Deggendorf) ist Journalistin und Schriftstellerin. Im Jahr 2006 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis mit dem extra für den Bewerb geschriebenen Text "Sie befinden sich hier". 

APA/Eggenberger

Thomas Lang (* 19. März 1967 in Nümbrecht, NRW) ist ein deutscher Schriftsteller. Lang studierte Literaturwissenschaft in Frankfurt am Main und schloss als M. A. ab. Er lebt als freier Autor seit 1997 in München. Den Bachmann-Preis bekam er 2005 für "Am Seil".

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Uwe Tellkamp (* 28. Oktober 1968 in Dresden) wurde 2004 mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet (für einen Auszug aus dem Roman "Der Schlaf in den Uhren"). Sein bekanntester Roman "Der Turm", der 2008 bei Suhrkamp erschien, handelt von den letzten sieben Jahren der DDR bis zur Wende aus Sicht des Bildungsbürgertums in einem Villenviertel Dresdens.

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Inka Parei (* 5. Februar 1967 in Frankfurt am Main) bekam 2003 den Bachmann-Preis für einen Auszug aus dem Roman "Was Dunkelheit war". Sie lebt in Berlin.

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Peter Glaser (* 30. Juni 1957 in Graz) ist ein österreichischer Schriftsteller und Journalist. Er lebt und arbeitet in Berlin.Den Bachmann-Preis 2002 bekam er für den Text "Geschichte von Nichts".

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Michael Lentz (* 15. Mai 1964 in Düren) ist ein deutscher Schriftsteller, Lautpoet, Literaturwissenschaftler und Musiker. Er lebt in Berlin und Leipzig. Bachmann-Preis 2001 für den Text "Muttersterben".

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Der erste Bachmann-Preisträger des Jahrtausends: Georg Klein (* 29. März 1953 in Augsburg) gewann 2000 mit dem Text "Auszug aus einem langen Prosatext".

(c) APA (EGGENBERGER GERT)
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Auch die von ihm eingeladene, in Berlin lebende Russin Anna Prizkau polarisiert mit ihrer Immigrations- und Familiengeschichte die Jury. Während Mara Delius, wohltuend sachlicher und kompetenter Neuzugang in der Runde, die „ruhige erzählerische Prosa mit surrealistischen Elementen“ lobt, fragt sich Michael Wiederstein zum wiederholten Mal bei diesem Bewerb: „Warum muss man alles so auserzählen?“

Beim Text der Kärntner Slowenin Verena Gotthardt ist man sich schon eher einig. Ihre hermetische Geschichte „Die jüngste Zeit“ über „ein Mädchen, das in einer Michael-Haneke-artigen Bergwelt aufwächst“ überzeugt Mara Delius (die die Kärntnerin vorgeschlagen hat) als „poetische Beschäftigung mit Erinnerung“. Klaus Kastberger gefallen Radikalität und Konsequenz des Beitrags, allerdings „hätte ich mir alle fünf Seiten ein kleines Hilfszeitwörtchen gewünscht.“ Gerade die elliptischen Sätze und stilistischen Prinzipien sind es hingegen, die Insa Wilke gefallen. Auch Wiederstein mag den Text, und Tingler hat „großen Respekt vor diesem Gestaltungswillen.“

Dass Insa Wilke schwer zum Lachen zu bringen sei, stimmt übrigens nicht. Nach der Lesung von Fritz Krenn schmunzelt sie: „Diese Form des Humors gefällt mir so gut, weil er so bitterernst ist.“

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