Nachruf Poetin, Vielschreiberin, Liebende: Friederike Mayröcker 96-jährig gestorben

Friederike Mayröcker ist im Alter von 96 Jahren gestorben - die Büchnerpreis-Trägerin gehört zu den höchst gewürdigten heimischen Schriftstellerinnen.

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© (c) Gabriela Brandenstein Wien
 

Friederike Mayröcker zählte zu den höchst gewürdigten heimischen Schriftstellern. Dass sie nicht den Literaturnobelpreis erhalten hat, überrascht angesichts der langen Liste an Auszeichnungen, die sich in diesem Dichterleben angesammelt haben - vom Büchnerpreis (2001) abwärts. Sie war eine fast manische Vielschreiberin, lebte schon früh in und mit der Literatur und der Sprache. 2020 ist das jüngste Werk der damals 95-Jährigen erschienen: „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete” (Suhrkamp). Mehr als 100 Bücher umfasst das dichterische Werk. Dazu zählen vor allem Gedichte, aber auch Prosatexte, Hörspiele und Bühnenwerke. Mayröcker starb im Alter von 96 Jahren.
 
Schon als 15-Jährige begann die am 20. Dezember 1924 in Wien als Tochter eines Lehrers und einer Modistin geborene Friederike Mayröcker zu schreiben, 1946 veröffentlichte sie in der Literaturzeitschrift „Plan” erste Gedichte. Im wenig später entstandenen „Kindersommer” erzählt sie von ihrer glücklichen Kindheit im niederösterreichischen Deinzendorf, „das meint einen bestimmten Sommer, gleicherweise alle Sommer bis zum zehnten Jahr meines Lebens”: „erträumter einsamer blauer Engel/in meinem Herzen läutet ein heller Regen/in meinen Händen blühen die Glockenblumen/Salbeiblüten wehen mich an/die Perlenkette der Tränen gleitet/an den liegenden Schläfen nieder (...)“. 
 
Bald verfasste sie experimentellere Texte im Umfeld der Wiener Gruppe mit H.C. Artmann, Andreas Okopenko und Konrad Bayer, ihr erstes Buch erschien 1956 („Larifari: Ein konfuses Buch”). Seit 1969 widmete sich die einstige Englischlehrerin an Wiener Hauptschulen ganz dem Schreiben. Zuvor hatte der Brotberuf, ähnlich wie bei ihrem „Hand- und Herzgefährten” Ernst Jandl die Existenz gesichert. Jandl hatte die damals 30-Jährige 1954 kennengelernt. Beide Sprachartisten verband danach eine fast 50 Jahre dauernde Lebens-, Liebes- und Arbeitsgemeinschaft, auch wenn sie stets getrennte Wohnungen beibehielten. In „Requiem für Ernst Jandl” fasste Mayröcker ihren Schmerz über den Tod des Gefährten (2000) in Sprache, fand starke Worte für den Verlust ihres „Liebesfreundes”. Sie selbst hielt sich auch danach mit ihrem Anschreiben gegen die Einsamkeit, gegen Angst und Altern am Leben. In einem Standard-Interview meinte sie einmal: „Ich schreibe um mein Leben. Es wird mir aber nichts nützen. Er wird mich holen, so oder so.” 

Sie entzieht sich der Kategorisierung


Mayröckers Literatur entzieht sich konsequent jeder Kategorisierung. Ihr assoziativer Wortstrom, die ausdruckskräftigen Sprachbilder speisen sich aus Versatzstücken von Träumen, Emotionen, geschauten Bildern, gehörten Klängen und offenbaren eine bei aller Melancholie liebevolle Weltwahrnehmung. Zeiten und Orte fließen ineinander, Konkretes wird abstrakt, Reales surreal, „u.s.w.”, wie sie selbst oft schrieb.

Mehrere Hundert Archivboxen voll Notizen, Entwürfen, Briefen, Fotos und persönlichen Gegenständen, die aus einer seit Jahren unbenutzten früheren Schreibwohnung Mayröckers stammen, gingen Ende 2019 als Teilvorlass an die Österreichische Nationalbibliothek, ein anderer, kleinerer Teil liegt in der Wienbibliothek im Rathaus. Material aus einem Leben, das fast ein ganzes Jahrhundert umspannte. Friederike Mayröcker sagte einmal: “Ich fühle mich nur am Leben, wenn ich schreibe.” Nun hat sie zu schreiben aufgehört. Doch in ihren Büchern lebt ihre Poesie weiter.  


 

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