Buch der Woche von Shida BazyarDrei Kameradinnen, die 1001 Nacht durchs Feuer gehen

Shida Bazyar hat mit "Drei Kameradinnen" ein furioses Buch über Freundschaft geschrieben und über das Leben, in dem die Herkunft das Maß aller Dinge ist.

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Die Schriftstellerin Shida Bazyar
Die Schriftstellerin Shida Bazyar © KK
 


Kasih, eine der drei „Kameradinnen“ und gleichzeitig die Erzählerin, hat keinen Bock, lieb zu sein, sie schießt ungezügelt drauflos und spricht den Leser direkt an: „Ich mache ohne Reihenfolge weiter, ihr Deutschlehrer und Deutschlehrerkinder. Es ist intellektuell schon auch zumutbar, dass ich nicht bei A anfange und bei heute Nacht aufhöre. Es ist ja auch nicht so, als hätte die Welt uns eine Reihenfolge geliefert, die Sinn ergeben würde. Warum sollte ich mich dann an eine halten?“

Hani, Saya und Kasih. Drei Freundinnen, drei Kameradinnen, die für einander durchs Feuer gehen. Davon erzählt Shida Bazyar in ihrem neuen Roman. Woher die jungen Frauen „ursprünglich“ kommen ist ebenso unwichtig wie der Name der deutschen Stadt, in der sie leben. Diese Geschichte könnte überall stattfinden.

Apropos Feuer: Etwas Entsetzliches ist passiert, darauf deutet ein Zeitungsartikel gleich zu Beginn hin. Ein Haus ist abgebrannt, und Saya wird verdächtigt, diesen Anschlag verübt zu haben. Eindeutige Anspielung auf die NSU-Affäre, wo auch zunächst die Opfer als Täter hingestellt wurden.

1001 Nacht ohne Scheherazade

Kasih erzählt also, während die Freundinnen auf die Rückkehr von Saya aus dem Gefängnis warten. Eine zornige 1001-Nacht-Variante ohne Scheherazade. Da ist Kasih selbst, die trotz bester Ausbildung keinen Job findet. Hani ist eine unterbezahlte Bürokraft, die zu angepasst ist, um aufzubegehren. Und Saya, die fast zerbricht in ihrem Kampf gegen Alltagsrassismus und kulturelle Klischees.

Shida Bazyar, viele Jahre in der Jugendbildungsarbeit tätig, hat ein furioses, trauriges, witziges und wahrhaftiges Buch darüber geschrieben, was es für junge Menschen heißt, in einer Gesellschaft zu leben, in der man aufgrund seiner Herkunft unter Generalverdacht steht. „Bombenleger, Frauenunterdrücker, das sind wir und unsere Männer“, schäumt Kasih. Und sie kann es nicht mehr hören! Die blöden Sprüche, die blöden Blicke, die immer wiederkehrende blöde Frage: Woher kommst du – eigentlich?

Natürlich und vor allem ist „Drei Kameradinnen“ ein Buch über Freundschaft und ein unverbrüchliches Lebensbündnis, das zwar immer wieder auf dem Prüfstand steht, aber allen Erschütterungen und Hitzeeinwirkungen standhält. Und das Feuer als wiederkehrendes Motiv. Für brennende Fragen in einer Gesellschaft, in der sich die Löschmeister oft als Brandstifter entpuppen. Das müsst ihr endlich kapieren, verdammt! Würde Kasih wüten.

Buchtipp: Shida Bazyar. Drei Kameradinnen. Kiepenheuer & Witsch,
350 Seiten, 22,95 Euro. 

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