Als der "Weltgeist zu Pferde", wie der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel Kaiser Napoleon I. nannte, mit seinen Feldzügen Europa veränderte und verheerte, war dies auch der Beginn eines beispiellosen Raubzuges. Der Korsare liebte die Kunst - wie andere Herrscher auch - und holte sich Gemälde, Antiken und andere Kunstschätze nach Frankreich. Der Louvre hieß übrigens einmal Musée Napoléon.

Eine andere Geschichte ist die der Benin-Bronzen, die seit vielen Jahren immer wieder in Zusammenhang mit Raubkunst für Diskussionen sorgen. "In den momentanen Debatten fragt kaum jemand: Was sind das überhaupt für Kunstwerke? Und was erzählen sie uns eigentlich? Das würde man mit europäischen Kunstgegenständen nicht tun, auch wenn sie Raubkunst sind", wehrt sich jetzt Barbara Plankensteiner, Leiterin der Benin Dialogue Group, geraubte Kunstwerke immer als "Raubkunst" zu bezeichnen. "Es ist nicht nur Raubgut, das sind Höhepunkte globaler Kunst", sagte Plankensteiner,  Direktorin des Hamburger Museums am Rothenbaum, die auch Chefkuratorin des Weltmuseums Wien war. Bei den Debatten werde immer vergessen, darauf hinzuweisen, wie wichtig diese Werke seien für das Verständnis einer Kunstgeschichte, die über den euro-amerikanischen Raum hinausreiche. 

Dennoch bleibt die Frage: Wie geht man mit im Kolonialismus geraubter Kunst um? Auch bei den Benin-Bronzen ist dies der Fall. Im Berliner Humboldt Forum spielen sie eine zentrale Rolle. Das Ethnologische Museum der Staatlichen Museen zu Berlin verfügt über rund 530 historische Objekte aus dem Königreich Benin, darunter etwa 440 Bronzen. Auch am Weltmuseum Wien, dessen wissenschaftlicher Direktor Jonathan Fine, der jetzige Sammlungsleiter des Ethnologischen Museums, per 1. Juli wird, befinden sich zahlreiche Objekte aus Benin in den Sammlungen. Die Objekte, die jetzt zur Diskussion stehen, stammen aus britischen Plünderungen des Jahres 1897. Weltweit sind zwischen 3000 und 5000 solcher Kunstwerke verstreut, das Digital Benin Projekt versucht diese Daten gerade zu erfassen, um die königlichen Kunstschätze (vorerst) einmal digital zusammen zu führen. Die Benin Dialogue Group vereinigt seit 2010 Museen aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und Schweden sowie das Weltmuseum Wien mit nigerianischen Partnern und Vertretern des Königshofs von Benin. 

Plankensteiner wehrt sich dagegen, "jetzt Dinge zu forcieren". Restitutionen seien komplexe Prozesse: "Das bedeutet ja nicht, einfach Objekte in eine Kiste zu packen und sie zurückzuschicken. So etwas kann länger dauern, da müssen noch viele Gespräche geführt werden."

Rückgabe-Weigerung

In diesem Zusammenhang rückt auch das Buch von Bénédicte Savoy  "Afrikas Kampf um seine Kunst" ins Blickfeld. Das Buch dokumentiert gar nicht so sehr den Beutezug, sondern die Rückgabe-Weigerung - und diese hat eine lange europäische Geschichte. Savoy, die in Berlin lebt und Kunstgeschichte an der TU Berlin und am Collège de France in Paris lehrt, hat vor zweieinhalb Jahren gemeinsam mit dem senegalesischen Ökonomen Felwine Sarr für den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron einen Bericht zur Restitution afrikanischen Kulturerbes verfasst. Seitde ist sie eine der zentralen Playerinnen in der Debatte: "Fast jedes Gespräch, das wir heute über die Restitution von Kulturgütern nach Afrika führen, fand vor 40 Jahren schon einmal statt."

Unmittelbar nach 1960, dem "afrikanischen Jahr", als 18 ehemalige Kolonien unabhängig wurden, setzte eine von afrikanischen Intellektuellen, Politikern und Museumsleuten angestrengte Debatte ein, das während der Kolonialzeit massenweise in europäische Museen verschleppte afrikanische Kulturerbe wiederzuerlangen. Minutiös zeichnet Savoy durch bloßes Akten- und Archivstudium die Etappen dieser Diskussion nach, die zu zwei UNO-Resolutionen, zu internationalen Appellen und bemerkenswerten Filmen führte, aber keinen Erfolg hatte.

Der Kampf versandete nicht nur, sondern wurde vergessen. Darin ähnelt laut Savoy die Restitutionsdebatte der Klimadebatte, in der - wie Nathaniel Rich unlängst in seinem Buch "Losing Earth" nachgewiesen hat - Ende der 70er, Anfang der 80er-Jahre bereits alle wesentlichen Argumente auf dem Tisch lagen - zu einem Zeitpunkt, wo politisches Handeln noch deutlich Erfolg versprechender gewesen wäre als heute. Noch 2017 konnte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (in dessen Beständen sich unzählige ethnologische Objekte fragwürdiger Herkunft finden) behaupten: "Die Provenienz völkerkundlicher Bestände ist ein relativ neues Thema." Nichts an dem Thema sei neu, entgegnet Savoy - und belegt minutiös nicht nur die Hauptrolle der Preußen-Stiftung in der konzertierten Verschleppungstaktik deutscher Stellen in  dieser Frage, sondern überführt die Akteure auch der dezidierten Lüge.