Neuer Roman "Morituri"Toxische Provinzposse von Olga Flor

Mit ihrem feinen Sensorium für gesellschaftliche Verkarstungen leuchtet die Schriftstellerlin tief in "das Land" hinein.

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Olga Flor zerpflückt in ihrem neuen Roman das Idyll des Ländlichen
Olga Flor zerpflückt in ihrem neuen Roman das Idyll des Ländlichen © (c) APA/ERWIN SCHERIAU
 

Dass in der Provinz nicht nur schöne Blümlein blühen, sondern auch giftiges Gestrüpp wie Hass, Neid, Gier, Hochmut und Niedertracht im Unterholz wuchert, wissen alle, die auf dem Land – oder dem, was davon übrig geblieben ist – leben. Und auch jene, die den neuen Roman von Olga Flor lesen.

Die Schriftstellerin mit dem feinen Sensorium für gesellschaftliche Verwerfungen und Verkarstungen hat in „Morituri“ einen galligen Totengesang auf die niedrigste aller Kasten – jene der Menschheit – angestimmt. Durch Flors Wortwitz und die ironische Unterfütterung gerät diese bitterböse Totaldemontage des ländlichen Idylls zum aberwitzigen Lesevergnügen, wenngleich es hier nichts zum Lachen gibt; lächerlich freilich ist vieles.

Die Handlung spielt bezeichnenderweise in einem Dorf über einem Niedermoor, in dem der Aus- oder Umsteiger Maximilian versumpert. Tochter Ruth hingegen ist eine bissige Businessfrau, die natürlich auch nicht glücklich ist mit dem, was sie hat und tut – aber wer ist das schon in diesem Buch? Die Bürgermeisterin des Ortes ist dem rechten Lager und lukrativen Geschäften gleich heftig zugeneigt.

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Und als ihr ein Investor ein Zentrum für „avancierte Biomedizin“ – Lebensverlängerung für zahlungskräftige Kunden – vorschlägt, beginnen die Blumen des Bösen erst so richtig zu sprießen. Maximilian und Maurice, ein Dunkelhäutiger, sollen als Versuchskaninchen herhalten. Dass im Niedermoor noch der „Mohr im Hemd“ auf den Speisekarten der Gasthäuser steht, versteht sich von selbst.

Olga Flor seziert den Ungeist der Zeit und die wuchernden Cluster der Unredlichen mit scharfer Sprachklinge und luzider Lust am Enttarnen von Fake-Menschen aller Art. Nur ihre wütende Anklageschrift, so gerechtfertigt und schlüssig formuliert sie auch ist, gerät zwischendurch etwas zu langatmig und stört den Fluss dieser Geschichte, die stark genug ist, um auf eigenen Beinen dem Untergang entgegen zu taumeln.

Folgendes Zitat von David Bowie findet sich in dieser toxischen Provinzposse: „I mean, what a disappointing century this has been so far.“ Dabei hat Bowie die letzten fünf Jahre gar nicht miterlebt. Und im Niedermoor war er wohl auch nie. Andererseits: Niedermoor ist überall. 

Buchtipp: Olga Flor. Morituri. Jung und Jung, 208 Seiten, 22 Euro. 

KK
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