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Kolumne Valerie Fritsch: Hast du gewusst, wie schrecklich das ist?

Valerie Fritsch
Valerie Fritsch © (c) Martin Schwarz, oxyblau photography
 

Bücher zu schreiben ist eine Arbeit, im Zuge derer man sich oftmals mit den merkwürdigsten Themen beschäftigt, selbst zusammengezimmerten Orchideenfächern der Welt, Kurzzeit-Spezialist in einer seltsamen Sache wird, autodidaktischer Experte und Narr für das eine und immer für das andere. Besonders empfänglich macht einen das Unbekannte: Kenner wird man vor allem von Dingen, von denen man noch nie zuvor gehört hat. So habe ich über die Jahre einige Zeit damit verbracht, mich eifrig mit eisernen Lungen, Amputationen oder biolumineszenten Lebewesen zu befassen, dem gegenteiligen Bruder-Phänomen des Placebos, dem Nocebo auf den Grund zu gehen, und vieles über Vogelzucht und die Mangelernährung in Kriegsgefangenenlagern zu lesen.

Für das Verständnis von Ferne bin ich gereist, für das vom Tod habe ich auf der Anatomie seziert, bevor er mir privat sehr nah begegnet ist. Wie alle Experten geht man mit seiner Leidenschaft nicht nur sich selbst, aber auch anderen auf die Nerven. Die großen Roman-Recherchen erfüllen für Stunden, Monate oder ganze Jahre mein Leben, und es hat sich herausgestellt, dass ihr Informationsgehalt – wie man ein Vogelei durchleuchtet oder Phantomschmerz behandelt – nicht immer ein anschlussfähiges Smalltalkthema und sehr selten ein Partykracher im Gespräch ist.

Auch kommt es mitunter zu paradoxen Reaktionen, denn versinke ich noch in den grausamsten Materien und ein Mensch reißt mich am Ende eines langen Tages aus meinem Wahn des Verstehen-Wollens, kann es geschehen, dass das pure aufgeregte, neue Wissen, das in mir arbeitet, mich rotwangig und glücklich aussehen lässt und ich übers ganze Gesicht strahlend frage: Hast du gewusst, wie schrecklich das ist?
Im Augenblick beschäftige ich mich verstärkt mit Gewalt, und mein Umfeld findet interessanterweise die Mörder und ihre Geschichten, die einem zwangsläufig in Fragen nach Gründen, Grenzen, Integritäten unterkommen, besser zu ertragen als die Kriegsgräuel, die mich für das letzte Buch umgetrieben haben, als wäre das Individuelle leichter zu fassen als das Kollektive.

Kürzlich habe ich Werner Herzogs „On Death Row“ gesehen, eine Doku-Reihe, in der je Episode ein Verbrechen beleuchtet und ein Todeskandidat porträtiert wird, selbst zu Wort kommt zu seinen Taten, Reue oder Schadenfreude und allzu oft Gott in sich findet und eine ureigene Geschichte entwirft, die alles oder auch nichts mit der Realität zu tun hat. Das Schreckliche und seine Folgen anzuerkennen fällt den meisten nicht leicht, das Monströse ins eigene Menschsein zu integrieren scheint oft unmöglich, die Täter und auch die Opfer und Beobachter scheitern immer wieder an der Einordnung und an der Gleichzeitigkeit. Mittlerweile bin ich in der Recherche bereits bei den Serienmördern angelangt, und bei so manchem Fall und seinen Einzelheiten wird einem speiübel in Magen und Seele – aber die nächste Party lässt ohnehin noch auf sich warten.

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