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KolumneDirk Stermann: Berlin 1990

Dirk Stermann
Dirk Stermann © (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
 

Die Stimmbandgespaltene krächzte unverständlich und der Hinkende überholte mich humpelnd, um sich vor mich zu stellen. Er hatte wichtige Dinge zu sagen, aber sprach so schnell, dass ich ihm nicht folgen konnte. Vielleicht war ich auch zu betrunken. Wir gingen nach einem Auftritt Unter den Linden in Richtung unseres Hotels, das sehr korrekt „Hotel Unter den Linden“ hieß. Ein sehr guter Name für ein Hotel, das Unter den Linden als Postadresse hatte. Die Stimmbandgespaltene, die wie eine metallene Krähe klang, schlug vor, in ein Lokal bei der Friedrichstraße zu wechseln. Ich wollte schlafen, aber der Gedanke an den Nachtportier des Hotels wirkte nicht sehr einladend. Also gingen wir weiter, den Hinkenden, die Stimmbandgespaltene, zwei Schweiger und eine Zwergin im Schlepptau. Die Karawane des Grauens, sagte ich und mein Kollege Grissemann nickte.

Die Irrenfänger von Hameln.
Nur, dass wir sie nicht anführten, sondern von ihnen angeführt wurden. Wir folgten unserer Armee der Versehrten und fielen in die Berliner Nacht. Es dämmerte bereits, als wir ins Hotel kamen. Der Nachtwächter blickte uns an, als seien wir Feinde.
„Tragen Sie sich ein, sagte er.“
„Haben wir schon“, murmelten wir.
„Egal, eintragen. Name, Adresse.“
Wir schrieben unsere Namen und unsere Adressen. Stermann, Grissemann. Kettenbrückengasse 21, Kettenbrückengasse 17. 1050 Wien. „Wahrscheinlich“, sagte der Nachtwächter. „Gleiche Adresse.“ „Nein, zwei Häuser entfernt“, sagte ich.
„Und dit soll ick glooben?“
„Ja, dit solln Se glooben.“
„Gloob ick nich.“
„Da können wir Ihnen nicht helfen. Die Schlüssel, bitte.“
„Nee.“
Er war weit über 50, hatte eine unmodische Brille mit dicken Gläsern, die seinem Gesicht einen unnatürlichen Farbton gaben. Wir starrten uns gegenseitig an. High Noon um halb fünf Uhr früh. Er seufzte genervt und bewegte sich in Zeitlupentempo auf die Schlüsselwand zu. Superzeitlupe. Im Zimmer legte ich mich auf mein Bett. Alles drehte sich. Die stimmbandgespaltene Friedrichstraße wirbelte um hinkende Zwerge und boshafte, orangegrüne Männergesichter.

Beim nächsten Mal wechselten wir das Hotel. „Hotel Monbijou“. Am Monbijouplatz. Richtiger Name für diesen Ort. Das Hotel wurde von zwei Männern geleitet. Der eine klein und dick, den großen Bauch in einen grauen Strickpullover gezwängt, der andere unangenehm sportlich.
„Ick hab Ihre Tasche anjefasst“, sagte der Kleine, als ich am Nachmittag ins Hotel zurückkam.
„Bitte?“
„Ick hab Ihre Tasche anjefasst. Im Zimmer. Wie Sie weg warn.“
„Aha. Und, wie war’s?“
Er zwinkerte mir freundlich zu. Am Hackeschen Markt gab es ein Gurkengeschäft. Alles war voll mit Spreewaldgurken. Verschieden große Gläser, verschieden große Gurken. Alles grün. Der Laden hatte etwas Amazonashaftes, wenn es im Amazonas ausschließlich Gurken geben würde. Hinter der Theke stand ein älterer Herr in einem grauen Arbeitskittel.
„Ich hätt gern Gurken“, sagte ich.
Er sah mich leer an.
„Könnten Sie mir eine Sorte empfehlen?“
„Ick ess keene Gurken“, sagte er und damit war das Gespräch für ihn beendet“.

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