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Egyd Gstättner denkt querEgyd Gstättner: Vierschanzentournee und Psychopathologie

Egyd Gstättner hat in seiner Kindheit frühe Vorzeichen seines heutigen Berufs gefunden.

Meine Geschichte erzählt, wie ich als Kind meine eigene Vierschanzentournee veranstaltet habe
Meine Geschichte erzählt, wie ich als Kind meine eigene Vierschanzentournee veranstaltet habe ©  APA/GEORG HOCHMUTH
 

Der aktuelle Grazer Literatursuperstar Günter Eichberger, ein verblüffend profunder Kenner meines Werks, erinnerte mich unlängst an eine meiner frühen Geschichten über Skisprungschanzenmodelle. Sie gäbe Einblick in die Psychopathologie Schreibender: Autoren-Autismus, gemischt mit Artisten-Narzißmus …
Meine Geschichte erzählt, wie ich als Kind meine eigene Vierschanzentournee veranstaltet habe: Die Schanze habe ich mit der Laubsäge geschnitzt und auf mein Schreibtischchen gestellt. Als „Auslauf“ spannte ich drei, vier aneinander geklemmte Hemdenkartons meines Vaters von der Tischkante bis zum Boden. Statt der Schispringer ließ ich eine Schlatzkugel, die einmal „Schnabl“, einmal „Aschenbach“, einmal „Innauer“ hieß, von der Schanze rollen. Ich war Weitenmesser und Punkterichter in einem. Gesamtsieger wurde immer „Karl Schnabl“. Wahrscheinlich war er ein Naturtalent. In Wirklichkeit freilich rollte die Schlatzkugel nach immer gleichen physikalischen Gesetzen und landete nie mit Telemark, immer mit Kracherl – meine Haltungsnoten waren ehrlich gestanden rein subjektiv und meine Tourneen so öd wie die echten.
Kurzum: Ich war ein sehr einsames Kind. Nach der Vierschanzentournee habe ich das Wiener Stadthallenturnier nachgestellt. Während man Tipp-Kick immerhin zu zweit spielt, ist meine Erfindung des Hallentippkicks ausschließlich mutterseelenallein zu praktizieren. Das bedeutet, dass man sich nicht bloß in ein, sondern in zwei Teams versetzen muss, die noch dazu gegeneinander spielen. Das ist: Dramatik! Die linke Hand etwa war Austria, die rechte Salzburg, und jeder Finger ein Spieler. Jedes Mal besiegte ich mich bei meinem Minihallenfußball zwangsläufig selbst. Einsamkeit, Persönlichkeitsspaltung, Ich-Diffusion, Rollenverhalten: Ich bin mir sicher, dass ich bei den Weihnachts-Hallen-Tippkick-Turnieren im Kinderzimmer die Fundamente für mein Schriftstellerleben gelegt habe.
Deswegen meinte Eichberger, nur wirklich pathologische Fälle könnten so eine grundunvernünftige Tätigkeit wie Literatur über Jahrzehnte ausüben. Mit Wahnsinn habe das seiner Meinung nach aber nichts zu tun. „Die fünf Tage in der Woche – trotz Lockdown – entfremdet „9 bis 5“-Schuftenden scheinen mir wahnsinniger. Freilich, wer bereitete dir dann den Kastanienreis zu, Egyd, wenn alle nur noch schöpferisch wären ...?“

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