Bevor ich mit dem Gegenwärtigen, mit Ihrem neuen Album, beginne, möchte ich Sie kurz in die Vergangenheit entführen. „Nichts bleibt schön als das Erfundene (meinen nichtrealisierten Projekten auf den Mund tätowiert)“. Wir befinden uns mit diesem Zitat aus Ihrem allerersten Song im Jahr 1971. Was fällt Ihnen spontan zu diesem Titel ein? Welche nichtrealisierten Projekte geistern heute, fast 50 Jahre nach der Veröffentlichung Ihrer ersten Platte, durch Ihren Kopf?

André Heller: Damals dachte ich noch, man müsste ständig neue Pläne haben, und es war schmerzlich, die Projekte bei ihrer Verwirklichung zur Tat schrumpfen zu sehen. Mittlerweile holen mich die Aufgaben ab. Ich bitte nur um die für mein Lernen richtigsten Abenteuer zum richtigsten Zeitpunkt. Konkrete Wünsche sind da nur störend.

Sie sagen, dass Sie der Versuchung, neue Lieder aufzunehmen, 33 Jahre lang „ohne Anstrengung“ widerstehen konnten. Was war der Hauptgrund, dass Sie diesen Widerstand jetzt letztendlich aufgegeben haben?

Heller: Ich habe 1983 aufgehört, mich mit der Thematik des Liederschreibens und des öffentlich als Chansonnier Auftretens zu beschäftigen, weil es mich machtvoll zu anderen Ufern trieb. Damals war ich natürlich bis in die kleinste Faser jemand anderer als jetzt. Die Lieder dienten mir lange Zeit als Notausgänge für meine Melancholien, mein Heimweh nach mir selbst, von dem ich sehr versiegelt war. Und da sich meine Stimmungen, meine Art zu denken und zu handeln in Form von Dankbarkeit, von weniger Ego und von Mitgefühl im Laufe der Jahrzehnte sehr veränderten, kam nach 30 Jahren Pause der Gedanke, dass mittlerweile ganz andere gesungene Aussagen möglich wären. Ich wollte diejenigen, die sich für meine Arbeitsergebnisse interessieren, nicht im Glauben lassen, dass mit den bis Anfang der 80er-Jahre veröffentlichten Liedern für mein ganzes Leben alles in diesem Genre gesagt wäre.

Mein erster Eindruck, als ich diese neuen Heller-Lieder das erste Mal gehört habe: Ich hatte das Gefühl, einem Menschen zu begegnen bzw. zuzuhören, der nie weg war. Ein Gefühl von großer Vertrautheit, von schöner Selbstverständlichkeit hat sich eingestellt. Wie war die Reaktion von anderen Menschen, denen Sie Ihr neues Liedgut das erste Mal vorgespielt haben?

Heller: Ich muss mit Erstaunen und Rührung zugeben, dass ich von allen Seiten überwältigend liebevolle und freudige Reaktionen erhalte.



Was mir noch aufgefallen ist: Ihre Stimme ist nahezu unverändert, hat keine oder kaum Alterseinfärbungen. Habe ich schlechte Ohren oder ist das tatsächlich so?

Heller: Der Anfang war, dass wir 2015 in meinen damaligen Wiener Wohnräumen ein Studio installiert haben, damit ich mein vertrautes Revier nicht verlassen musste. Meine privaten Orte sind ziemlich ausgefuchste Gleichgewichtsübungen. Ich erwähne das nur, weil das eine gewaltige Rolle spielt für das Gelingen meiner Arbeit, in welcher Umgebung und Schwingung ich das Kostbarste einsetze, das mir, außer meiner Gesundheit, zur Verfügung steht – nämlich meine Zeit. Und wie wir dann musizierten, war relativ bald klar, dass meine Stimme noch halbwegs funktioniert. Wenn du Jahrzehnte pausierst, fragst du dich natürlich, ob du stimmlich für die Zuhörer überhaupt noch erkennbar bist.

Die Schriftstellerin Anna Baar schreibt in einem Text zur neuen Platte: „Andre Heller ist Angst und Mut.“ Was hat beim Schritt, nach so langer Zeit wieder als Musiker in Erscheinung zu treten, überwogen?

Heller: Der Mut. Und sicherlich war eine Motivation für mich, meinen Sohn Ferdinand bei seinen umjubelten Konzertauftritten zu beobachten. Ich bin ja selbst fast 20 Jahre lang immer wieder singend und Geschichten erzählend vor Tausenden Menschen aufgetreten und durfte spüren, was das für ein enormer Energieaustausch ist. Ich empfinde ein Konzert und eine Studiosession als einen begehrenswerten Spielplatz und jetzt habe ich diesen eben wieder betreten.



Ihre erste Platte wurde von Ihnen selbst und Robert Opratko produziert, die neue vom Musiker und Musikjournalisten Robert Rotifer. Warum fiel die Wahl auf ihn? Und: Rotifer schreibt, dass Sie sich gemeinsam auf die Suche nach dem „Flirrenden“ begeben hätten. Haben Sie es gefunden, das Flirrende?

Heller: Rotifer ist ein Weltmann mit großem Horizont und schlafwandlerischer Musikalität. Das Flirrende war unsere Hoffnung, uns selbst positiv überraschen zu können. Sie hat sich glücklicherweise erfüllt.

Der neue Reigen beinhaltet 16 Lieder, beginnt mit „Alles in allem“, einer Lebensbilanz, und endet mit „My river“, einem Lied über Virginia Woolf und ihren Gang in den Tod. Gibt es so etwas wie einen roten Faden durch diese sehr unterschiedlichen Lieder?

Heller: Es ist mit Sicherheit das Wurzelziehen aus 72 Jahren Erfahrung zwischen Brennnesseln und Rosen. Die Detailarbeit hat sich selbstverständlich erst im Studio entschieden. Eines ergab das andere und wir waren, ehrlich gesagt, in einer merkwürdigen Entrücktheit, in die wir uns vertrauensvoll fallen ließen.

Diese Lebensbilanz gleich im ersten Lied auf dem Album fällt sehr positiv aus – denn Sie sind alles in allem vom Glück verfolgt, wie Sie sagen bzw. singen. Wem oder welchen Umständen sind Sie für dieses „Geschenk von uferlosem Ausmaß“ dankbar?

Heller: Ich habe jahrzehntelang vieles an Bitteren, an Abstürzen, an Wut- und Schmerzrasereien erlebt, mich aber auch den dringend notwendigen Veränderungen meines Denkens und dem Gesamtumbau meines Wesens nicht verweigert. Ich wollte ein Mensch des gelebten Mitgefühls mit einer Eleganz der Gedanken und Taten werden. Diesen Prozess, sich in etwas Gelungenes zu verwandeln, schließt man natürlich nie ab. Die Ziellinie ist und bleibt der letzte Seufzer.



Sehr berührend ist das Lied über Ihre Mutter, die im Vorjahr zwei Tage vor ihrem 104. Geburtstag gestorben ist, nachdem sie „das Irdische bis zum letzten Tropfen ausgezuzelt“ hat, wie Sie sagen. Sie selbst sind jetzt 72 Jahre alt, also vergleichsweise ein junger Mensch. Dennoch: „In der Dunkelheit“ – ein weiteres Lied auf der neuen CD –, taucht er dort öfter auf, der Schnitter, der Tod? Und riecht sein Lachen, wie Sie im „Schnitterlied“ einmal gesungen haben, noch immer nach Thymian?

Heller: Der Schnitter ist mein beflügelndster Mitarbeiter und mahnt mich: Nütze möglichst deine Zeit, sie ist nicht unbegrenzt.

Sie spannen einen weiten Bogen auf diesem Album: In „Die Wiener Judenkinder“ lassen Sie tief in Ihre Kindheit hineinschauen, es gibt musikalische Ausflüge nach Venedig und Marrakesch und im Titel „Es gibt“, eine Bearbeitung eines Liedes von Claudio Baglioni, legen Sie ein „religionsfreies Glaubensbekenntnis“ ab. Warum stimmt gerade bei diesem Lied alles, wie Sie sagen?

Heller: Weil es eine Art Kassasturz wesentlicher Wahrnehmungen ist. Eine Offenlegung dessen, was meine Gefühle und Erkenntnisse gegenüber dieser polaren Welt sind. Durchaus meine ganz persönliche Hymne.

Warum, glauben Sie, hat es bislang noch kein Lied über den Wiener Heldenplatz gegeben – das erst Sie schreiben mussten? Und: Mit welchen Gefühlen gehen Sie über diesen Platz?

Heller: Es gibt das exzellente Gedicht von Ernst Jandl, Bernhards unvergessliches Stück, aber das Lied hat offenbar darauf gewartet, von mir getextet und gesungen zu werden. Ich flaniere nächtens häufig zwischen Burgtheater, Hofburg und Heldenplatz. Mir kommt dieses Viertel dann immer wie ein riesiger Ballsaal für Gespenster vor.

Wird es diese neuen Lieder auch live auf der Bühne zu hören geben?

Heller: Eine Tournee will ich mir unter keinen Umständen mehr zumuten. Ich benötige meine Kraftreserven für andere Projekte, die mir helfen, weiße Flecken auf der Landkarte meines Wissens zu tilgen.

Wenn Sie sich noch einmal so lange Zeit für eine Platte lassen, sind Sie 105 Jahre alt. Ein guter Zeitpunkt für eine Altersplatte.

Heller: Was schwebt Ihnen da vor? Eine Wienerlied-Platte mit dem Titel „Waun i demnächst stirb“?

Zur neuen Platte:

Das neue Album beinhaltet 16 (neue) Lieder. Der „Regisseur“ des Unternehmens war der Musiker Robert Rotifer. Unter den musikalischen Gästen: Walther Soyka (Knopfharmonika) Herbert Pixner (Trompete), Golnar Shahyar (Stimme) und Marwan Abado (Oud).
André Heller. „Spätes Leuchten“ (Sony).
Erhältlich seit 15. November auf CD,
Vinyl und digital.

André Heller: "Spätes Leuchten"
André Heller: "Spätes Leuchten" © KK